Überschuldung des Verwaltungskontos

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Die Überschuldung des Verwaltungskontos ist ein verbreitetes Phänomen bei Tauschringen, das sehr kontrovers diskutiert wird.

Inhaltsverzeichnis

Ursachen

Ein ausgeglichener Kontostand auf dem Verwaltungskonto gehört für Michael Linton, der 1983 das erste LETS entwickelt hat, für Birgit Kargl, die 2009 die deutsche Clearingstelle VeSTa gegründet hat und für viele andere Tauschringbetreiber zu den wesentlichen Voraussetzungen für den nachhaltigen Erfolg eines Tauschrings. Dennoch überziehen viele Tauschringe ihr Verwaltungskonto.

Mit Überschuldung des Verwaltungskontos ist im Folgenden nicht die Überschuldung eines einzelnen Kontos gemeint, sondern die Summe aller Gemeinschaftskonten, wie Austrittskonten, Systemkonten, Außenkonten, Verwaltungskonten, Projektkonten usw.

Das Problem

Wo liegt eigentlich das Problem? Das Problem wird deutlich, sobald ein Tauschring versucht, das Konto wieder auszugleichen.

Rechnerisch geht das am einfachsten, indem die Schulden auf alle Mitglieder umgelegt werden. Bei einem Tauschring mit 100 Mitgliedern und 20000 VE Schulden auf dem Verwaltungskonto müsste also jedes Mitglied 200 VE der Schulden übernehmen. Wenn die Mitglieder zustimmen und dann ihren jeweiligen Anteil an den Gemeinschaftsschulden durch eigene Leistung ausgleichen, sind die Schulden bezahlt. Nur bis zu welchem Punkt sind die Mitglieder bereit mitzumachen?

"Ein Tauschring ist überschuldet, wenn die Mitglieder nicht mehr bereit sind, die gemeinschaftlichen Verbindlichkeiten zu begleichen."[1]

An diesem Punkt entscheiden sich viele Tauschringe, die Schulden auf dem Systemkonto einfach zu ignorieren.

URSACHEN EINER UNAUSGEGLICHENEN BILANZ

Zu einer unausgeglichene Tauschring–Bilanz kommt es, wenn über das Buchungssystem ein Systemkonto angelegt werden muss, da zwischen Plus- und Minus-VE kein Ausgleich mehr vorhanden ist. Es sind VE, die nicht mehr ins Tauschgeschäft zurück geführt werden können, da niemand sich verantwortlich fühlt. Es sind verwaiste VE, die sich auf einem sogennannten Friedhof angesammelt haben.

Im folgenden möchte ich die Beziehungsebene anhand unterschiedlicher Konten dastellen:

1. Solange die VE einem Mitglied zugeordnet werden können, sind diese in der Realität durch Verantwortlichkeit des Kontoinhabers eingebunden.

2. Etwas anders stellt es sich bei Konten dar, die einem Gemeinschaftszweck zugeordnet werden, Gebühren-Konto, Solidaritätskonto etc. Diese Konten müssen durch die „Aktiven“ im Interesse der Gemeinschafdt verwaltet werden. Es bedarf einer Offenlegung und einer sogenannten Entlastung durch die Mitglieder-Versammlung.

3. Das Systemkonto fällt in keiner der beiden o.g. Kategorien, da zum einen kein persönlicher Bezug eines Mtgliedes vorhanden ist und zum anderen kein bestimmter Gemeinschaftszweck zum Beispiel lt. Geschäftsordnung oder Mitgliederbeschluss etc. zugeordnet werden kann. Diese VE des Systemkonto haben keinen Realitäts-Bezug zum eigentlichen „Kerngeschäft“ des TR, es sind tote bzw. ausgelagerte VE.

Das Systemkonto symbolisiert mangelndes Bewusstsein und verfälscht den klaren Blick. Diese Minus-VE auf dem Systemkonto können einerseits nicht durch Tauschangebote ausgeglichen werden und anderseits existieren auf den Mitgliedskonten Plus-VE in Übermass. Daraus ergibt sich, dass jeder Plusstand eines TR-Kontos Vermögen suggeriert, das in Wahrheit nicht vorhanden ist, da der hohe Minusstand des Systemkonto's alles auffrisst. Das Systemkonto ist ein Schuldenkonto, dessen Schulden nie getilgt werden können, weil niemand die Verantwortung der Schulden trägt. Es fehlt an Bewusstsein, dass das Systemkonto teil des gesamten TR ist und in das Tauschgeschehen wieder zurück geführt werden muss.


An dieser Stelle erscheint ein umfasendes Bewusstsein für unsere VE seinem Wesen nach erforderlich.

Dazu sei folgende Definition angeführt: Die Buchung der VE ist das verbindlich geformte abstrakte TR-Bewusstsein von der Bewätigung sozialer Grundaufgaben.


Dieses abstrakte TR-Bewusstsein kann nicht individuell (durch Spenden bzw. Zahlungszwang, Ausgabenzwang bzw. Arbeitszwang oder durch noch mehr Kontrolle) gelöst werden, weil die individuelle Betrachtung eine hohe moralische Kraft voraussetzt, die nicht immer gewährleistet werden kann. Eine Gefahr besteht u.a. darin, dass einige Mitglieder sich selbst ausbeuten (Arbeiten für die Gemeinschaft ohne VE zu verrechnen) um Versäumnisse im TR auszugleichen. Das TR-Buchungs-System sollte deshalb ein Instrumentarium zur Verfügung stellen, dass einen gewissen Ausgleich auf der System-Ebene schon im Vorfeld schafft und gleichzeitig einfach und überschaubar bleibt.

Dies kann am besten durch eine systembedingte Aufbewahrungsgebühr bewerkstelligt werden. Konkret würde das heißen, dass z.B. 10% sämtlicher Plusstände der Mitgliedskonten am Ende des Jahres auf ein Solidaritätskonto (Gemeinschaftskonto) verbucht werden. Das Gemeinschaftskonto kann durch gemeinschaftlichen Beschluss für TR-Aufgaben verwendet werden. Das Konto bekommt dadurch eine exponierte Stellung und ermöglicht erweiterten Handlungsspielraum im Interesse des TR. Die angesammelten Kreuzer werden vom individuellen Ballast befreit und dienen so verwandelt einem höheren gemeinschaftlichem Interesse. Es ist in gewisser Weise eine Art Demokratisierung des TR-Überschusses. Es findet dadurch ein permanenter Werteverlus statt (ähnlich wie bei Lebenmitteln, die bei zulanger Lagerung schlecht werden. Es ist das Prinzip der Vergänglichkeit). Das Horten von VE ist somit auf den Mitgliederkonten eingeschränkt, da eine jährliche Abwertung statt findet. Diese Abwertung kann durch Ausgabe von VE umgangen werden oder auch nicht, es bleibt dem Kontoinhaber überlassen, wie er mit seinem Überschuss umgeht. Bei sysembedingten Abzug bleiben die VE für den gesamten TR erhalten und dienen dem gesamten TR.

Es muss darauf geachtet werden, dass die VE-Aufbewahrungsgebühr z.B. nicht der Verwaltung direkt zufließen,sondern auf ein Gemeinschftskonto über das die Mitglieder des TR gemeinsam entscheiden.

Mit diese "Hilfskonstruktion" bleiben die VE im fluss und es kommt nicht zu Stauproblemen. So können z.B. etwailige Minusaustritte (letztendlich sind das auch Betriebskosten des TR durch "schlechten Umgang") kompensiert werden. Gleichzeitig findet ein Kräfteausgleich zwischen TR-Mitglieder statt. Es ist ein zutiefst sozialer Aspekt, der über die TR-Struktur neutralisiert wird und nicht ständig zu individuellen moralischen Aufrufen und Verhaltensaufforderungen annimiert,dem die wenigsten Menschen egobedingt nicht nachkommen wollen.

Ungerechtigkeit

Schulden haben immer zwei Seiten, Gläubiger und Schuldner. Wenn das Systemkonto im Minus ist, ist die ganze Gemeinschaft Schuldner. Aber wer sind eigentlich die Leidtragenden? Wer sind die Gläubiger, die auf den unbezahlten Schulden sitzen bleiben? Wer wird geschädigt, wenn ein Tauschring die Schulden auf dem Systemkonto ignoriert?

Schulden auf den Gemeinschaftskonten sind also unfair gegenüber den Mitgliedern.

Gebrochene Versprechen

Michael Linton betont in seinem LETS-Modell, dass durch negative Kontostände "Geld geschöpft" wird. Dieses Geld wird durch das Vertrauen in persönliche Leistungsversprechen der Mitglieder gegenüber der Gemeinschaft gedeckt. Wenn ein Mitglied 5 Stunden ins Minus geht, verspricht es den anderen Mitgliedern des Tauschrings, den Tauschring erst wieder zu verlassen, wenn es die 5 Stunden auch geleistet hat.

Nach Michael Linton ist Freiwilligkeit (engl. consent) eine wesentliche Vertrauensgrundlage für einen Tauschring. Deswegen kann nur jedes Mitglied seine eigenen Leistungsversprechen geben -- aber es dürfen ihm nicht von anderen Mitgliedern welche aufgezwungen werden. Wenn das Systemkonto ins Minus geht, etwa durch Selbstentlohnung der Orga, wird ebenfalls Geld geschöpft. Aber die Leistungsversprechen werden im Namen Dritter eingegangen, ohne deren Zustimmung.

Außerdem brechen Mitglieder, die mit einem Minuskonto den Tauschring verlassen ihre Versprechen. Sie entziehen sich der Verantwortung. Da VEs nur innerhalb des geschlossenen Systems Tauschring existieren, muss bei einem solchen Austritt das Systemkonto dieses Minus ausgleichen. So werden die Schulden sozialisiert. Das heißt, der ganze Tauschring muss jetzt für die Verpflichtungen gerade stehen, die das ausgetretene Mitglied eingegangen ist.

Da sich Mitglieder für die Gemeinschaftsschulden nicht verantwortlich fühlen (sie wurden ihnen ja gegen ihren Willen aufgezwungen), geht das Bewusstsein für die Bedeutung der Verrechnungseinheiten als Einheiten zur Verrechnung von Leistungen verloren. Sie verlieren ihre Bedeutung. Damit sinkt langfristig auch die Bereitschaft für VE selbst Leistungen zu erbringen, weil sie ja nur noch beliebige Zahlen sind.

Ungeeignete Tauschregeln

Überschuldung ist oft die Folge vom Fehlverhalten einzelner Mitglieder. Aber sie kann auch Folge eines strukturellen Problems sein.

Jeder Tauschring legt in Satzung und Tauschregeln fest, wie VE "gemacht" oder "geschöpft" werden und wie dieses Geld "gedeckt" wird.

Leider machen sich die wenigsten Tauschringe bei ihrer Gründung Gedanken, wie ihre Tauschwährung genau funktionieren soll und wie sie langfristig eine Währungsstabilität erhalten wollen. Ihr System ist widersprüchlich oder unvollständig oder mit den erklärten Zielen des Tauschrings prinzipiell nicht vereinbar.

Wenn das System wegen Design-Fehlern nicht nachhaltig funktionieren kann, ist es selbst mit den bestwilligsten Mitgliedern zum Scheitern verurteilt. Die Überschuldung des Verwaltungskontos ist dann nur ein Symptom.

Auch ein gut entworfener Tauschring muss erst einmal von seiner Orga und seinen Mitgliedern verstanden werden. Wenn die Tauschregeln zu kompliziert sind oder missverständlich formuliert wurden, werden sie nicht gelesen und nicht beachtet.

Fehlende Kontrolle

Außerdem muss die Einhaltung der Tauschregeln kontrolliert und durchgesetzt werden. Das setzt eigenverantwortliche Mitglieder und eine kompetente und engagierte Verrechnungsstelle voraus.

Werden die Tauschregeln nicht durchgesetzt, zahlt die Gemeinschaft die Zeche. Sichtbar wird das zuerst auf dem Verwaltungskonto.

Geldexperimente und Schenkökonomie

Die bisherigen Überlegungen gehen davon aus, dass ein "Tauschring" tatsächlich ein Tauschring ist und sein will. Bei einem Tauschring geht es im Kern um die bargeldlose Verrechnung von Waren und Dienstleistungen, die Verrechnungseinheiten sind nur ein Hilfsmittel.

Bei manchen "Tauschringen" kehren sich die Verhältnisse um. Ihnen geht es mehr um das "Geld" an sich als um Waren und Dienstleistungen. Für sie ist es wichtiger, dass Mitglieder "ihre Talente ... erhalten" oder "mehr Talente zum Ausgeben" haben.[2] Wenn es nur darum geht, möglichst viel "Geld" auf seinem persönlichen Konto zu haben, ist die Überschuldung des Verwaltungskontos kein Problem, sondern gewünschte Geldschöpfung!

So zahlt etwa der Tauschring Westerwald seinen Mitgliedern jeden Monat 500 Talente "Bürgergeld" aus.[4] Aber handelt es sich bei solchen Geldexperimenten überhaupt noch um Tauschringe?

Andere Tauschringe halten sich bei der Geldschöpfung durchaus an die üblichen Gepflogenheiten. Es gibt in ihrer Gemeinschaft aber große Unterschiede zwischen Geben und Nehmen. Wenn diese Gemeinschaft überhaupt keinen Ausgleich zwischen Geben und Nehmen anstrebt, ist sie ebenfalls kein Tauschring im eigentlichen Sinne. Hier geht es eher um Dokumentation von Gaben im Sinne der Schenkökonomie.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Frage: "Was ist denn so schlimm am Minus?"

Antwort: Nichts, solange das Minus gering ist. Das Minus ist Symptom für Probleme und Ungerechtigkeiten in einem Tauschring. Sobald diese Probleme einvernehmlich gelöst werden, verschwindet das Minus wieder. Eine vorübergehende, maßvolle Verschuldung des Tauschrings ist durchaus vertretbar.

Schlimm wird es, sobald das Minus eine kritische Grenze überschritten hat, ab der die Probleme nicht mehr einvernehmlich gelöst werden können. Die Verursacher der Probleme profitieren auf Kosten der Anderen. Eine dauerhafte Überschuldung ist ungerecht.

Frage: "Warum streicht man das Minus nicht einfach?"

Antwort: Weil es die Tauschregeln nicht zulassen. Es ist im Rahmen der üblichen Tauschregeln buchhalterisch überhaupt nicht möglich, die Schulden zu "streichen". Die Summe der Verwaltungs- und Mitgliederkonten muss Null ergeben. Man kann das Verwaltungskonto also nur auf Null setzen, indem die Mitgliederkonten entsprechend belastet werden. Das Minus ist durch Umverteilung entstanden, es kann nur durch Umverteilung wieder beglichen werden.

Frage: "Was nun?"[2]

Antwort: Es kommt darauf an, was man will. Wenn ein Tauschring großen Wert legt auf Verbindlichkeit und Nachhaltigkeit, bleibt im Extremfall nur noch ein harter Schnitt. Der Tauschring setzt alle Konten auf Null ("Währungsreform") oder löst sich auf. Aber vielleicht hat der Tauschring auch ein ganz anderes Selbstverständnis. Vielleicht wollen die Mitglieder nicht "tauschen", sondern schenken! Dann wäre das Minus egal. Die Buchhaltung würde nur dazu dienen, die gegenseitigen Geschenke zu dokumentieren.

Handlungsalternativen

Handlungsalternativen
In der deutschen Tauschring-Landschaft findet sich ein breites Spektrum an Meinungen zur Bedeutung des Systemkontos. Einige wenige achten sehr auf ausgeglichene Systemkonten (wie Königsbrunn). Andere verstehen sich im Gegenteil als ein Geldexperiment, das ungedecktes Geld sinvoll und wünschenswert findet. Die meisten dürften irgendwo dazwischen liegen:
A - Die Gemeinschaft einigt sich auf eine Umlage der Schulden.
B - Der Tauschring muss sehr lange sehr klug wirtschaften bis die Schulden durch Mitgliedsbeiträge, Gebühren und Spenden wieder ausgeglichen sind.
C - Schuldenstand einfrieren und ab sofort solide wirtschaften
D - Neuverschuldung abbremsen und über Budgetplanung steuern.
E - Weitermachen wie bisher und auf morgen hoffen…

Vorbeugung

Die einfachste Vorbeugung praktizieren der Rostocker Tauschring Wi daun wat und der Tauschring Prenzlauer Berg. Sie legen die gesamten Verwaltungs- und Systemkonten regelmäßig und häufig auf alle Mitglieder um. Regine Deschle begründet das Vorgehen so: "Da das Sammelkonto den Gegenwert zu einem, vielmehr zu vielen Plus- Kontoständen widerspiegelt, haben die TN im Durchschnitt viel mehr Plus als Minus auf ihren Konten. Damit erlahmte das Interesse und das Tauschen könnte einschlafen. Bei vielen von uns ist ein Minus-Saldo ein stärkeres Treibmittel zum Tauschen als ein Plus-Saldo. Schließlich würden die TN-Konten alle in die Nähe des oberen Limits wandern und der Gegenwert wäre auf dem Sammelkonto – dann wäre der Tauschring tot."[5]

Einzelbelege

  1. Diskussionsbeitrag von Benutzer:Harr im Tauschwiki am 12. Juli 2010
  2. 2,0 2,1 2,2 Birgit Kargl: Überschuldung oder wenn das Verwaltungskonto zu stark ins Minus rutscht. Tauschmagazin, April 2010 (Online)
  3. Dagmar Capell: Die Talente-Druck-Maschine in: Tauschmagazin Nr. 6 Juli 2003, Seite 9f.
  4. "Wenn Sie sich jetzt fragen, wo dieses Geld denn herkommt, dann stellen Sie bitte auch gleich die Frage, woher denn die Milliarden kommen, die derzeit an die notleidenden Konzerne und Banken ausgeschüttet werden." Quelle: Homepage des Tauschring Westerwald
  5. Regine Deschle: Tauschkonten – Anreiz oder Bremse beim Tauschen? in: Reader zum Bundestreffen der Tauschsysteme 2000
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