Tauschring
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Ein Tauschring (auch: Tauschsystem, Tauschkreis, Verrechnungsring) ist im weitesten Sinne ein freiwilliger Zusammenschluss von natürlichen und/oder juristischen Personen, um den Austausch von Waren und Dienstleistungen ohne gesetzliche Zahlungsmittel zu verrechnen.
Der Begriff "Tauschring" wird uneinheitlich verwendet. Als Selbstbezeichnung, etwa bei den deutschen Bundestreffen ist auch "Tauschsysteme“ üblich, manchmal auch "LET-System", in Anlehnung an Michael Lintons Modell aus den frühen 1980ern. Beispiele für einige Definitionsversuche:
- "Bei einem Tauschring handelt es sich um eine örtlich begrenzte, auf Dauer angelegte Verbindung einer größeren Zahl von Personen, ausgerichtet auf wechselnden Mitgliederbestand, mit einem Gesamtnamen und dem gemeinsamen Zweck, daß die Personen einander Leistungen hauptsächlich gegen Gutschriften selbstgeschaffener Verrechnungseinheiten erbringen."[1]
- "Unter einem LET-System, Kooperationsring oder Tauschring versteht man ein organisiertes Verrechnungssystem, das dem bargeldlosen Austausch von Leistungen und Produkten zwischen Privatpersonen, Organisationen und Kleinunternehmen auf lokaler Ebene dient. Da überwiegend Dienstleistungen und Produkte zwischen den privaten Haushalten ausgetauscht werden, beschränkt sich das Tätigkeitgebiet eines LETSystems im Regelfall auf einen Stadtteil, eine Stadt oder eine Region."[2]
- "LET-Systeme sind netzwerkartig aufgebaute Handelsorganisationen, welche parallel zur Geldwirtschaft einen alternativen, nicht-monetären Wirtschaftskreislauf etablieren wollen. In diesen können die Teilnehmer ihre am Markt nicht gefragten Ressourcen und Fähigkeiten einbringen und gegen eine lokal gültige Alternativwährung eintauschen."[3]
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Ziele der Tauschringe
Die meisten Tauschringe im deutschsprachigen Raum verstehen sich ausdrücklich als alternativwirtschaftliche Gemeinschaftskonzepte. So formuliert die BAG 1999 im Positionspapier deutscher Tauschsysteme folgende Ziele:
- die soziale Kompetenz des/der einzelnen, damit Eigenverantwortlichkeit und Selbsthilfe und kommunikatives Handeln unterstützen
- soziale Netze und Nachbarschaften, solidarisches Engagement und Gemeinschaft fördern
- eine gerechtere Verteilung von Arbeit und Werten erreichen, neue Arbeitsformen erproben, Arbeit neu bewerten.
- alternatives Wirtschaften testen, lokale Ökonomie fördern und ökonomisches Umdenken anregen.
- mehr Unabhängigkeit von Arbeitsmarkt und Geld erlangen
- eine neue Kultur des Gebens und Nehmens aufbauen
- neue Konsummuster und Lebensstile im Sinne der Agenda 21 entwerfen."[4]
Im engeren Sinne sind viele "Tauschringe" also "intentionale Gemeinschaften". Sie "bilden sich bewusst aus einer oppositionellen Haltung gegenüber der Gesellschaft, um neue Wege des Zusammenlebens zwischen Menschen und mit der Umwelt experimentell zu erproben. Ihre verbindenden Merkmale, die eine Gruppenidentität ausmachen, sind dabei gemeinsames Zusammenleben, eine geteilte Lebenswelt und ein damit einhergehender Lebensstil. Während ,natürliche Gemeinschaften’ dazu tendieren, sich gesellschaftlichen Handlungsbezügen unterzuordnen, streben Intentionale Gemeinschaften eine Einmischung in und Gestaltung von Gesellschaft an.[5][6][7]
Merkmale von Tauschringen
So bunt und vielfältig die deutsche Tauschring-Landschaft auch ist, so gibt es mehrere Merkmale, die (fast) alle selbstbezeichneten Tauschringe, LET-Systeme und Nachbarschaftsbörsen erfüllen.
Freiwilliger Zusammenschluss
In einem Tauschring können nur die Mitglieder miteinander tauschen. Der Eintritt in und die Teilnahme an einem Tauschring sind freiwillig. Das gesetzliche Zahlungsmittel Euro kann dagegen jeder ohne Anmeldung benutzen. Für manche Transaktionen (wie Steuern) ist die Verwendung des gesetzlichen Zahlungsmittels sogar zwingend vorgeschrieben.
Es gibt vereinzelt auch Tauschringe, die Tauschgeschäfte mit Nichtmitgliedern verrechnen. Hier ist im Einzelfall zu klären, ob die Tauschpartner durch den Tausch nicht doch zu (inoffiziellen) Mitgliedern werden oder ob es sich dabei um spezielle Formen von Außenkonten handelt.
Leistungsversprechen
Mit dem Eintritt in den Tauschring gibt das Mitglied der Gemeinschaft üblicherweise ein Leistungsversprechen. Es verspricht, vor Austritt aus dem Tauschring das Konto auszugleichen. Wenn ein Mitglied mehr Leistungen genommen als erbracht hat, verspricht es also, vor dem Austritt entsprechende Gegenleistungen zu erbringen. Das Leistungsversprechen ist verbindlich, weil es freiwillig und durch eine formale Beitrittserklärung gegeben wurde.
Die Verbindlichkeit des Leistungsversprechen als "moralische Verpflichtung" gehört zu den regelmäßig wiederkehrenden Grundsatzdiskussionen in Tauschringen. Manche Tauschringe und Tauschringmitglieder legen großen Wert auf die Einhaltung dieses Versprechens, andere nicht.
Verrechnen "ohne Geld"
Tauschgeschäfte werden üblicherweise "ohne Geld" verrechnet. Statt des gesetzliches Zahlungsmittels Euro verwenden Tauschringe meist eine eigene "Tauschwährung" (Verrechnungseinheiten, VE). Wie die Verrechnung genau ablaufen soll, legen die Tauschringe in ihren jeweiligen Tauschregeln fest.
Es gibt eine große Vielzahl von Modellen für Tauschregeln. Das Verhältnis zu "Geld" wird unterschiedlich gehandhabt:
- Zeit oder Euro? Die im deutschsprachigen Raum üblicheren Zeittauschringe verrechnen Lebenszeit. Das klassische LETS nach Michael Linton baut auf die Gleichwertigkeit (equivalence) von Verrechnungseinheiten und gesetzlicher Währung.
- Konvertierbarkeit? Manche Tauschringe erlauben es, Verrechnungseinheiten gegen Euro zu kaufen oder verkaufen.
Nachbarschaftshilfe
Die meisten Tauschringe (im Sinne des Tauschwiki) wenden sich vor allem an private Haushalte in einem beschränkte örtlichen Umfeld. Sie vermitteln haushaltsnahe Dienstleistungen und Warentausch im Rahmen der erweiterten Nachbarschaftshilfe.
Dagegen wendet sich etwa Regiogeld ausdrücklich auch an Unternehmen.
Einzelnachweise
- ↑ Pierre Brandenstein, Dr. Carsten Corino, Thomas Bernhard Petri. in: Neue Juristische Wochenschrift (NJW) Heft Nr. 13/1997, 26. März 1997, Seite 825 bis 831. Zitiert nach: http://www.tauschring-archiv.de/Recht/recht1.htm
- ↑ PaySys: LETSysteme und Tauschringe. Ein Handbuch über Formen und Ausgestaltungsmöglichkeiten lokaler Verrechnungssysteme. (1997) (Download PDF)
- ↑ * Wagner, Simone: Lokale Tauschnetze: Untersuchungen zu einem alternativen Wirtschaftssystem. Dissertation Uni Konstanz, 2009. S. 33 (Inhalt)
- ↑ http://www.tauschringe.info/extdoc/Positionspapier.pdf
- ↑ Grundmann, Kunze et al. (2006): Soziale Gemeinschaften. http://Gemeinschaftsforschung.uni-muenster.de
- ↑ http://wiki.ic.org/wiki/Intentional_Communities
- ↑ Thomas Dierschke: Intentionale Gemeinschaften. Magisterarbeit, Uni Münster, 2003 (Online PDF)