Tauschmittel

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Tauschmittel, Zwischentauschmittel oder Zahlungsmittel ist ein Begriff aus der Geldtheorie. Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen Geld und Tauschmittel. Gablers Wirtschaftslexikon schreibt: "Die traditionelle, an den Geldfunktionen ansetzende Definition [von Geld] wählt die Tauschmittelfunktion als begriffsbestimmendes Merkmal."[1]

Bernard Litaer definiert Geld in ähnlichem Sinne als "eine Übereinkunft innerhalb einer Gemeinschaft, etwas als Tauschmittel zu verwenden".[2] Ob die Umkehrung auch stimmt, wird in deutschen Tauschringen kontrovers diskutiert. Tauschringe sind formale Gemeinschaften (mit Rechtsform, Satzung und Mitgliedern), die eine gemeinschaftliche Übereinkuft für den Umgang mit ihren Verrechnungseinheiten haben (meist schriftlich in Form von Tauschregeln). Wenn ein Tauschring seine Verrechnungseinheiten wie ein Tauschmittel einsetzt, sind sie dann "Geld"? Wenn nicht, wo ist dann der Unterschied?

Geldtheorie

In der Geldtheorie ist ein Tausch- oder Zahlungsmittel ein Objekt oder auch ein erwerbbares Recht, das ein Käufer einem Verkäufer übergibt, um Waren oder Dienstleistungen zu erwerben.[3]

Primärgeld

Bei Primärgeld[4] oder Warengeld sind Tauschmittel unter anderem Gegenstände, Metalle, Substanzen mit entsprechendem oder übersteigendem Gegenwert, die man gegen Waren und Dienstleistungen eintauschen kann. Früher waren häufige Tauschmittel beispielsweise Salz, Gewürze, Edelmetalle, Bronze-Gerätegeld (z. B. Beile, Pfeilspitzen, Halsringe), Felle, Vieh (pecunia von pecu) oder Muscheln üblich.

Bei neuere Schwarzmarkt- oder Gefängniswährungen sind auch Zigaretten[5], Kaffee oder Makrelen[6] als Tauschmittel verwendet worden.

Münzgeld

Papiergeld

Buchgeld

Tauschringe

Gibt es auch in Tauschringen "Tauschmittel"? Das hängt sehr von der Definition und vom Selbstverständnis des Tauschrings oder Tauschsystems ab.

Erweiterter Naturaltausch oder Gemeinschaftswährung

Die Einen verstehen Tauschringe als eine Gemeinschaft, in der ähnlich wie beim Naturaltausch Waren und Dienstleistungen "getauscht" werden. Im Gegensatz zum Naturaltausch können Leistung und Gegenleistung zeitversetzt und von unterschiedlichen Personen erbracht werden.

Über ein Buchhaltungssystem wird dokumentiert, wer in welchem Umfang ein Leistungsversprechen gegenüber den Anderen eingegangen ist. Ein Mitglied kann die Gemeinschaft erst verlassen, wenn es das Leistungsversprechen erfüllt und im Tausch für die empfangenen Waren und Dienstleistungen eine gleichwertige Menge an Waren und Dienstleistungen eingebracht hat.

Die Verrechnungseinheit eines solchen Tauschrings ist kein Tauschmittel. Sie ist nur ein Hilfsmittel, um den Wert der von den einzelnen Mitgliedern empfangenen und erbrachten Leistungen vergleichen und verrechnen zu können. Mit den Verrechnungseinheiten wird nicht "bezahlt". Sie dokumentieren nur, was geleistet wurde.

Diese Sichtweise findet sich etwa bei Barter Clubs.

Die Anderen verstehen und konstruieren Tauschringe wie eine Gemeinschaftswährung (community currency). Sie verwenden ihre gemeinsame "Tauschwährung" tatsächlich wie ein Zahlungs- oder Tauschmittel. Der Leistungsempfänger "bezahlt" den Leistungsgeber in der Tauschwährung. Er tauscht seine Waren und Dienstleistungen gegen das Tauschmittel.

Diese Sichtweise findet sich vor allem bei komplexeren Tauschsystemen, die mit Startguthaben oder Grundeinkommen arbeiten.

Grundsatzfragen:

  • Wo verläuft die Grenze zwischen "Tauschen" im Sinne eines erweiterten Naturaltauschs ohne internem Tauschmittel und einem Wirtschaftssystem, das sich durch sein internes Tauschmittel definiert?
  • Bestimmt nur das Selbstverständnis des Tauschrings, ob ein Tauschsystem "Tauschmittel" hat? Oder gibt es objektivierbare Kriterien, die sogar im Widerspruch zum Selbstverständnis stehen können? Wenn ja, welche?

Zeit oder Euro?

Die zweite Kontroverse ist eng mit dem Wertmaßstab der Tauschwährung verbunden und wird unter dem Schlagwort "Zeit oder Euro" geführt.

Bei Tauschringen und Seniorengenossenschaften, die die gesetzliche Währung Euro als Wertmaßstab verwenden, gibt es eine Äquivalenz zwischen der Tauschwährung und dem gesetzlichen Zahlungsmittel Euro.

Bei Systemen, wie Regiogeld, die eine Konvertierbarkeit zwischen Tauschwährung und Euro gestatten, lässt sich die Tauschwährung problemlos wie ein Tausch- und Zahlungsmittel verwenden, weil sie sich jederzeit in das allgemein akzeptiertes Tausch- und Zahlungsmittel Euro tauschen lässt.

Bei Tauschringen die Zeit als Wertmaßstab verwenden, muss der Wert der Tauschwährung anderweitig bestimmt werden. Hier gibt es verschiedene Methoden: … Lebenszeit, Kalorien …

Grundsatzfragen:

  • Sollte eine eurobasierte Tauschwährung konvertierbar sein? Wenn ja, unter welchen Auflagen? Wie beeinflusst die Konvertierbarkeit die Verwendungsmöglichkeiten einer Tauschwährung als Tauschmittel?
  • Wie lässt sich bei zeitbasierten Tauschwährungen aus der linear verstreichenden persönlichen Lebenszeit ein "Tauschmittel" ableiten? Welches Recht erwirbt ein Verkäufer im Tausch für seine Waren und Dienstleistung, wenn ihm "3 Stunden" überwiesen wurden?
  • Ist es sinnvoll, die beiden Wertmaßstaäbe zu kombinieren, etwa durch einen festen Umrechungskurs zwischen Zeit in Euro? Unter welchen Umständen ist es möglich, Schulden in zeitbasierter Währung mit Euro auszugleichen? Wird durch solche Umrechnungs- und Eintauschmöglichkeiten eine Konvertierbarkeit von Zeit in Euro eingeführt? Wenn ja, ist diese wünschenswert?

Geldschöpfung

Tauschringe sind in der Regel bargeldlose und geschlossene Systeme. Die Tauschwährung (und damit das Tauschmittel) existiert vor allem auf den Konten der Mitglieder und auf den Gemeinschaftskonten. Daneben könnten noch Schecks (Tauschbelege), Tauschhefte, Wertmarken und Gutscheine zu berücksichtigen sein.

Grundsatzfragen:

  • Wie und vom wem wird das Tauschmittel gemacht? ("Geldschöpfung")
  • Wie und von wem wird es vernichtet?
  • Sollen sich alle Kontostände im System zu Null addieren?

Bei den deutschen Tauschringen sind mehrere Verfahren anzutreffen, die auch kombiniert werden:

  • Geldschöpfung durch Kreditaufnahme auf Mitgliederkonten und Geldvernichtung durch Ausgleich von Mitgliederkonten. Dieses Verfahren beschreibt Michael Linton ausführlich im LETSystem Design Manual.
  • Geldschöpfung zu Lasten von Gemeinschaftskonten und Geldvernichtung durch Ausgleich von Gemeinschaftskonten, wie es bei den meisten Tauschringen mit Startguthaben und Bürgergeld anzutreffen ist: Tauschring Westerwald, Regiotauschnetz e.V., Tauschnetz Elbtal, …
  • Geldschöpfung durch Eröffnung neuer Teilnehmerkonten mit Guthaben ohne entsprechende Gegenbuchungen auf Gemeinschaftskonten: AcrossLETS

Umlauf

Grundsatzfragen:

  • Wie und vom wird das Tauschmittel den Teilnehmern des Tauschsystems zur Verfügung gestellt ("in Umlauf gebracht")?
  • Wie und vom wem wird es den Teilnehmern und dem Umlauf wieder entzogen?

Auch hier gibt es bei den deutschen Tauschringen mehrere Verfahren:

  • Tauschmittel, das durch Wirtschaftstätigkeit entsteht bzw. vernichtet wird, wird im gleichen Augenblick auch in Umlauf gebracht bzw. dem Umlauf wieder entzogen.
  • Tätigkeiten der Mitglieder für die Gemeinschaften werden vom Gemeinschaftskonto bezahlt. Das auf den Gemeinschaftskonten geschöpfte Geld kommt so in den Besitz der Mitglieder.
  • Manche Tauschringe stellen ihren Mitgliedern Tauschmittel außerdem leistungsunabhänging durch Auszahlung von Startguthaben oder Grundeinkommen zur Verfügung.
  • Negativzinsen auf Guthaben entziehen den Mitgliederkonten Tauschmittel. Wenn diese zum Ausgleich von negativen Gemeinschaftskonten verwendet wird, wird das Tauschmittel dabei vernichtet. Ähnliches gilt auch für Spenden bei Austritten.

Menge des umlaufenden Tauschmittels

In Anlehnung an die volkswirtschaftlichen Größen "Geldmenge"[7] und "Tauschmittelmenge", könnte es sinnvoll sein, die "Tauschmittelmenge" in einem Tauschring zu berechnen.

Grundsatzfragen:

  • Wie wird die Menge des umlaufende Tauschmittels berechnet?
  • Inwiefern ist es sinnvoll diese Zahl zu berechnen? Worin besteht ihre Aussagekraft?

Die große Mehrheit der Tauschringe scheint diese Kennzahl nicht zu berechnen. Es gibt aber vereinzelte Vorschläge:

  • Lutz Jaitner berechnet die "umlaufende Tauschmittelmenge" für Tauschringe mit Startguthaben und ohne Überziehungsmöglichkeit als die Summe aller Mitgliederkonten plus den Stand des Verwaltungskontos.[8]

Umlaufgeschwindigkeit des Tauschmittel

Bei Tauschringen wird häufiger der Begriff Umlaufsicherung diskutiert. Wenn er nicht nur als Negativzinsen auf Guthaben verstanden wird, sondern sich ausdrücklich auf freiwirtschaftliche Theorien bezieht, wäre es notwendig, nicht nur die Menge des umlaufenden Tauschmittels, sondern auch die Geschwindigkeit des Umlaufs zu berechnen.[9]

Grundsatzfragen:

  • Ist es sinnvoll, freiwirtschaftliche Theorien auf Tauschringe anzuwennden?
  • Wie könnte die Umlaufgeschwindigkeit eines Tauschmittels in bargeldlosen Währungssystemen berechnet werden?

Bisher scheint kein Tauschring diese Kennzahl zu berechnen.

Einzelbelege

Weblinks