Benutzer: Aartmann/Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Regionalgeldinitiativen und Tauschringen (Fassung Febr.2006)

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Der Urversion des nachfolgenden Textes entstand für die Forumsveranstaltung des Bundestreffen der Tauschringe 2005 in Berlin. Die hier vorliegende Version wurde von mir im Nachgang überarbeitet und entspricht dem aktuellen Stand meiner Betrachtungen. Ich bedanke mich an dieser Stelle bei Ralf Becker und Prof. Magrit Kennedy vom Regionetzwerk, die mit Ihren konstruktiv kritischen Rückmeldungen zum Gelingen dieses Textes beigetragen haben.

Einleitung

Kurz zu meiner Person: Ich bin seit 1997 im Tauschring Lowi e.V.in Münster und aktuell 1. Vorsitzender dieses Vereines. Beim Bundestreffen 2004 war ich Sprecher der Koordinationsgruppe und habe die Plenumsveranstaltungen moderiert. Im Sommer 2004 habe ich die Fortbildung zum Regionalgeldreferenten begonnen, die ich im Januar 2006 abgeschlossen habe.

Ich kann hier nicht für die Tauschring- oder die Regiogeldbewegung sprechen, sondern nur von meiner persönlichen Einschätzung und Erfahrung. Ich möchte vereinfachend Tendenzen aufzeigen. Die Realität ist natürlich vielfältiger. Diese Tendenzen können jedoch ein wenig mehr Klarheit vermitteln, wo die unterschiedlichen Schwerpunkte der beiden Ansätze liegen, und inwieweit es sinnvoll ist, zu einer Kooperation zu kommen oder eher getrennten Weges zu gehen.

Die TR-Bewegung sucht m.E. noch immer nach Antworten auf folgende Fragen: Welche Bedürfnisse können durch einen Tauschring für die Menschen als Einzelne und als Gemeinschaft erfüllt werden? Wie kann man den Tauschring gestalten, so dass er möglichst vielen Bedürfnissen entspricht? Wie kann man ihn weitgehend selbstbestimmt und möglichst ohne Machtmissbrauch organisieren? Welche Gründe sprechen für eine übergeordnete, bundesweite Struktur? Ich würde die Tauschringbewegung eher als Graswurzelbewegung, also als eine von unten her organisierte Bewegung bezeichnen.

Der Regionalgeldbewegung in Deutschland geht eine bis zu 20-jährige Forschungsarbeit von vielen Menschen voraus in der Komplementärsysteme in aller Welt entstanden und besucht und viele praktische Erfahrungen in diesen Systemen ausgewertet wurden. Dazu gehören: Christian Gelleri, Margrit Kennedy, Bernard Lietaer, Thomas Mayer, Norbert Olah, Dietlind Rinke, und zahlreiche andere. Erst durch ein praktisches Beispiel, welches Margrit Kennedy aus Australien mitbrachte, sprang dann aber der Funke über, diese Systeme auch in einem größeren Maßstab praktisch erproben zu wollen. Im Sommer 2003 ist daraus eine Netzwerkstruktur entstanden, die ich als eine von wenigen Menschen geführte Entwicklung von der Idee zur praktischen Umsetzung erlebe.

Tauschring und Regionalgeldsysteme sind in mancher Beziehung grundverschieden und in anderer Weise sehr eng miteinander verwandt. Um die Gemeinsamkeiten und Unterschiede besser herauszustellen, versuche ich im Folgenden meine Wahrnehmung von Regionalgeld und Tauschringen zu beschreiben. Hierbei fokussiere ich mich auf die, m.E. nach, wichtigsten Punkte:

Entstehungshintergrund:

Die Tauschringe sind aus einer Vielzahl von verschiedenen Grundanliegen entstanden. Je nach Interesse der Gründer stehen sie der Freiwirtschaft, Sozialen Bewegungen, kommerziellen Barter Clubs oder konkreten Beispielen aus dem Ausland wie den LET-Systemen nahe. An einer klaren Definition was ein Tauschring ist, wurde bis 1998 immer wieder gearbeitet. Das seinerzeits ver-abschiedete und als allgemein anerkannt geltende „Positionspapier der Tauschringe“ wurde seitdem nicht weiter entwickelt .

Die Regiogeldbewegung hat durch die Forschungsarbeit von Margrit Kennedy und Bernard Lietaer und durch ihr gemeinsames Buch „Regionalwährungen – Neue Wege zu nachhaltigem Wohlstand“ eine erste klare Definition, was unter einem Regionalgeldsystem zu verstehen ist, bekommen. Diese Definition ist zwar inzwischen durch die Arbeit in der Regiogeldbewegung abgewandelt und verändert worden. Sie wird jedoch im Großen und Ganzen akzeptiert. Derzeit vollzieht sich auch durch eine Verbandsgründung, durch die eine klarere Struktur und eine größere Verbindlichkeit innerhalb des Regionetzwerks erreicht werden soll, ein Emanzipationsprozess der Bewegung gegenüber der Initiatorin des Netzwerks.

In der Tauschringbewegung sammeln sich eine Vielfalt von Menschen und Ansätzen, die von der geldsystemtheoretischen Betrachtung über die Förderung und Entwicklung von nachbarschaftlicher Hilfe, dem Neubewerten des Faktors Arbeit bis hin zum Üben des freien Schenkens ohne jegliche Aufrechnung inspiriert werden.

Die Regionalgeldbewegung arbeitet daran, das Vertrauen von Konsumenten und Produzenten, von Unternehmen, Bankern und Wissenschaftlern durch Kompetenz sowohl in praktisch-organisatorischen wie auch geldtheoretischen Fragen zu gewinnen.


Gründungshintergrund:

In der Gründungsphase von Tauschringen wie Regiogeldinitiativen finden sich vielfach Menschen zusammen, die in sozialen und gemeinwohlorientierten gesellschaftlichen Veränderungen in einer zunehmend ökonomisierten Welt eine Zukunft sehen. Dabei sind Tauschringe und Regionalgeld Teil einer größeren Vision für eine menschlichere Welt.

Als Mitglieder in den Tauschringen finden sich vielfach Menschen ein, die wegen Arbeitslosigkeit oder anderer Gründe nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt am normalen Wirtschaftsleben teilnehmen können, oder die sich der Geschwindigkeit und den hohen Anforderungen des normalen Wirtschaftssystems nicht mehr gewachsen fühlen. Ein nicht unerheblicher Anteil der Mitglieder will durch seinen Beitritt und sein Engagement das nachbarschaftlich-freundschaftlich geprägte Beziehungsgeflecht in seinem lokalen Umfeld aktiv fördern.

Als aktive Teilnehmer in den Regiogeldinitiativen finden sich eher Unternehmer, Wissenschaftler und sonstige engagierte Menschen zusammen, die es gewohnt sind, sich professionell und effizient zu organisieren und zu kommunizieren – der soziale Kontakt steht hier weniger im Vordergrund. Die Mitglieder und Teilnehmer der Initiative nehmen in der Regel am normalen Wirtschaftsleben teil, haben aber ein klares Empfinden für die zunehmenden Störungen, die dieses System zeigt.


Ausrichtung:

Grundsätzlich sind beide Bewegungen an einer nachhaltigen Entwicklung und „Vermenschlichung“ des Wirtschaftssystems interessiert.

Die Tauschringbewegung lebt von einer noch nicht genau ausdifferenzierten Vision für ein neues Wirtschaften und einen neuen Umgang losgelöst von den normalen wirtschaftlichen Zwängen, der Sie sich in der Praxis annähern will. Viele verstehen die Tauschringe dabei als Experimentierfeld um einen ganz anderen Umgang mit den menschlichen Bedürfnissen und den vorhandenen menschlichen und materiellen Ressourcen auszuprobieren.

Die Regionalgeldbewegung orientiert sich sehr stark an den aktuellen, wirtschaftlichen Gegebenheiten und versucht einen möglichst nahtlosen Übergang zu schaffen. Dies ist sicherlich auch ein Grund für den großen Erfolg, die sie im Moment erfährt. Sie schaut mehr auf die Realität in der bestehenden Wirtschaft und versucht Systeme so anzulegen, dass sie Vertrauen aufbauen und damit leichter akzeptiert werden können. Ihr ist der Kontaktaufbau innerhalb einer Region und das Herstellen neuer Wirtschaftskreisläufe wichtig, soziale Netze sollen durch Regionalgeld sowohl im regionalen als im lokalen Raum unterstützt werden.

Genauere Ziele der Tauschringbewegung werden im Positionspapier der Tauschringe aufgeführt:

Primäre Ziele der Tauschringe sind die Stärkung und der Erhalt lokaler Strukturen im sozialen und gesellschaftlichen Bereich und im Bereich der lokalen Ökonomie.

Nachbarschaftshilfe - Kommunikation schaffen
    • Abbau von Schwellenangst und Misstrauen, Isolation und Anonymität in der Nachbarschaft
    • Austausch zwischen Menschen fördert die Kontakte untereinander
    • Treffpunkte entstehen
    • Kontakte zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen und Altersgruppen
Ökonomische und soziale Selbsthilfe - Selbstbestimmung - Selbstverwaltung
    • Versorgung mit Dienstleistungen und Produkten, die man sich mit dem vorhandenem Einkommen nicht leisten will oder kann
    • alle Arbeiten und Entscheidungen erfolgen durch die Mitglieder der Tauschringe selbst
Entfalten des Selbstwertgefühls, der Phantasie und Kreativität
    • Eigene Fähigkeiten und Stärken und deren Vielfalt werden entdeckt und gefördert, vorhandene Ressourcen werden genutzt
    • Bei den Fähigkeiten ansetzen, nicht beim „Mangel“
    • Ermutigung zum aktiven Handeln, ökonomisch und sozial
    • Bieten die Möglichkeit, den Selbstwert nicht ausschließlich über die Erwerbsarbeit zu definieren
Gleichberechtigung / gegenseitiger Respekt
    • Kein Gefälle zwischen Gebenden und Nehmenden (kein schlechtes Gewissen bei Hilfebedürftigkeit)
    • Solidar- statt Konkurrenzökonomie
    • Fairer, gleichberechtigter Umgang miteinander, gegenseitiger Respekt
    • sich sowohl der eigenen Fähigkeiten als auch der eigenen Bedürfnisse bewußt werden
Neubewertung von Arbeit und Leben
    • Kopf- und Handarbeit, Frauen- und Männerarbeit, angeblich weniger qualifizierte Arbeit werden neu eingeordnet
    • Tauschringe als neue Brücke zwischen bezahlter und ehrenamtlicher Arbeit
    • Wert der eigenen Fähigkeiten entdecken und für sich und andere nutzbar machen, unabhängig z.B. von bestehenden Kriterien des Arbeitsmarktes
Gemeinwesenentwicklung, lokale Ökonomie, Verbesserung der Lebensqualität
    • Entwicklung nachhaltigen Wirtschaftens
    • Erfüllen sozialer Grundbedürfnisse
    • Beitrag zur Entwicklung einer lokalen Agenda 21
    • Global denken, lokal handeln
    • Ökologie : Ressourcenschonung durch kurze Wege, Müllvermeidung, Wiederverwerten und gemeinsames Nutzen von Gebrauchsgütern
    • Soziale Kompetenz der Gesellschaft erhöhen
    • Sinnvolle Arbeit im Gemeinwesen wird durch ein geeignetes Tauschmittel ermöglicht
    • Vernetzung von Bewohnern, Projekten und Vereinen auf lokaler Ebene
    • Förderung lokaler Strukturen
    • Beitrag zur „Standortsicherung“ durch Verbesserung sozialer Strukturen
Bildungsarbeit zum Zusammenhang zwischen Ökonomie und Leben
    • Verstehen von Wirkungs- und Funktionsweise des Geldes praktisch erfahrbar machen
    • Ursachen gegenwärtiger Probleme verstehen, z.B. Arbeitslosigkeit, Umweltstörung, soziale Ungerechtigkeit, Finanznot
Modellversuche für nachhaltiges Wirtschaften
    • Neue Kooperationsbeziehungen zwischen Privatpersonen, Unternehmen und anderen Organisationen (z.B. der öffentlichen Hand, Vereine) eingehen
    • Modellhaftes Lernen im Erfahren von Versuch und Irrtum
Tauschen macht Spaß...

(Beschlossen auf dem Bundestreffen 1998 in München)

Genauere Ziele der Regionalgeldbewegung setzen sich aus den Leitgedanken und den Qualitätskriterien zusammen:

Warum Regio?

Der Name Regio steht für ein komplementäres Umlaufmittel, das in den einzelnen Regionen typische Namen der Region annimmt und die regionalen Kreisläufe in der Region unterstützt. 

Wir brauchen REGIO ergänzend zum EUR0 …

  • um ungenutzte Ressourcen, Fähigkeiten und ungedeckte Nachfrage in der Region zusammen zu bringen,
  • um die regionale Liquidität zu erhalten und zu erhöhen (Wertschöpfung & Überschüsse bleiben in der Region),
  • damit die regionale Entwicklung besser vor den Unwägbarkeiten globaler Finanzspekulation geschützt ist (Ausweg aus der Globalisierungsfalle durch teilweise Entkoppelung)
  • um die regionale kulturelle Identität zu stärken,
  • um soziale, kulturelle und ökologischer Projekte, die im offiziellen System Probleme mit der Finanzierung haben zu unterstützen,
  • um eine Wirtschaftskultur aufzubauen, die auf Kooperation anstatt auf Konkurrenz baut,

damit viele andere sinnvolle Ziele und Projekte befördert werden (z.B. Europa der Regionen, regionale Vermarktung von Lebensmitteln, regionale Wirtschaftsförderung, Kulturentwicklung), damit die ökonomischen und gesellschaftlichen Vorteile eines anderen Geldsystems praktisch erlebt und verstanden werden.

Qualitätsstandards für Regiowährungen

Das Regio-Netzwerk ist eine zukunftsorientierte, überparteiliche Arbeitsgemeinschaft aus Initiativen und Einzelpersonen. Das Regio-Netzwerk bemüht sich - zur Entwicklung von Regionalwährung und zur Förderung der Zusammenarbeit mit und von Unternehmen und Verbrauchern - um einen hohen Qualitätsstandard von Regionalwährungen:

1. Ein Gewinn für die Gemeinschaft: Ziel ist eine sozial und ökologisch nachhaltige Regionalentwicklung.
2. Gemeinwohlorientiert: Alle Gewinne des Rechtsträgers der Regionalwährung werden gemeinnützigen Zwecken zugeführt, ehrenamtliche Mitarbeit ist erwünscht.
3. Professionell umgesetzt: Der Regionalwährung liegt eine tragfähige Konzeption zugrunde und die notwendigen Kompetenzen sind bei den Mitarbeitenden vorhanden.
4. Transparent für die Nutzenden: Die Regionalwährung wird allgemein verständlich erklärt, die wichtigsten finanziellen Daten werden veröffentlicht, z.B. im Internet, und die Organisation ist offen für Rückkoppelung und Kritik.
5. Demokratisch kontrolliert: Die grundsätzlichen Entscheidungen werden in demokratischen Verfahren beschlossen, die Regionalwährung beschränkt sich auf eine überschaubare Region, es findet eine Überprüfung durch Fachleute statt.
6. Eigenständig finanziert: Auf Dauer wird eine Selbstfinanzierung durch die Beteiligten der Regionalwährung angestrebt.
7. Neutralität im Austausch: Die Neutralität des Verrechnungsmittels ist über geeignete Instrumente, wie zum Beispiel eine Liquiditätsgebühr, sicherzustellen.
8. Kreisläufe bildend: Regionale Kreisläufe zur Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse sollen gefördert werden.

Wenn Zweifel bestehen, ob eine Regio-Initiative diese Standards auch in der Praxis einhält, so entscheidet nach Gründung des Verbands der Vorstand über einen Verbleib im Regionetzwerk.

(Beschlossen auf dem Netzwerktreffen am 3. und 4. Mai 2005 in Prien.)

Zinsfreiheit

Beiden Bewegungen ist die Zinsfreiheit ein grundsätzliches Anliegen.

Bei einigen Tauschringen ist der Versuch gemacht worden, eine Umlaufsicherung einzuführen. Nach einiger Zeit ist dies aber in den mir bekannten Fällen als unpraktikabel angesehen oder nach einer Probephase abgeschafft worden.

Bei einigen Regionalgeldinitiativen ist die Umlaufsicherung (oder Liquiditätsgebühr) als fester Bestandteil integriert. Bei anderen ist dieser Punkt aber noch umstritten.

Entscheidungstrukturen:

Sowohl in der Regionalgeld- als auch in der Tauschring-Bewegung gibt es ein stetiges Ringen um angemessene und stimmige Entscheidungsstrukturen. Vor Ort finden sich eher lose Gruppen, mehr oder weniger organisierte Initiativen bis hin zu eingetragenen Vereinen. Erste Regiogeld-Initiativen betreiben nunmehr auch die Gründung von Genossenschaften.

In der Tauschringbewegung gab es lange Zeit für die Bundesebene „freiwillig selbst-verpflichtete“ Ansprechpartner, die bei den Bundestreffen benannt und durch einfache Abstimmung bestätigt wurden. Verschiedene Versuche, eine Bundesstruktur in Vereinsform zu gründen, scheiterten. Im Vorfeld des BT in München, 1998, bildete sich eine organisierte Form von Zusammenarbeit, die „Arbeits­gemeinschaft Bundesdeutsche Tauschsysteme“, kurz BAG. Diese hat sich ca. 1999 wieder aufgelöst. Seit dem Bundestreffen 2005 in Berlin gibt es eine Arbeitsgemeinschaft „Tauschringe im Dialog“, die sich die Entwicklung und Förderung einer transparenten Kommunikation zwischen den Tauschringen in Deutschland zur Aufgabe gemacht hat.


In der Regionalgeldbewegung entstand als erstes eine Netzwerkstruktur. Bisher wurden Entscheidungen mehr oder weniger im Konsensverfahren getroffen. So lange ein Mitglied ein klares Nein formulierte, wurde weiter diskutiert. Durchbrochen wurde dieses System durch verschiedene Ausschluss-Entscheidungen ohne vorherigen Konsens, wodurch eine intensive Diskussion über die Formalisierung von Entscheidungsprozessen in Gang gesetzt wurde, die zur Gründung eines Verbandes führte. Parallel zur Gründung des Verbandes arbeitete eine Arbeitsgruppe mit den Hauptbetroffenen der Ausschlussentscheidung, was zu einer Wiederaufnahme der Initiative im Rahmen der Verbandsgründung führte.


In beiden Bewegungen ist die Struktur wesentlich vom Vertrauen in die jeweils agierenden Personen abhängig. Treffen diese ihre Entscheidungen partizipativ und konsensorientiert, so wünschen die Mitglieder mehr oder weniger basisdemokratische Verfahren und Strukturen. Besteht aber Misstrauen in die handelnden Personen, zum Beispiel, weil die Bewegung stark wächst und persönliche Beziehungen weniger eng werden, so werden hierarchische Strukturen gefordert, die sowohl das Übernehmen von Verantwortung wie auch Kontrolle ermöglichen.


Transparenz:

Mit Transparenz bei den Tauschringen sind nicht nur alle organisatorischen und finanziellen Dinge gemeint, sondern auch die Offenlegung aller Kontenstände. Da Verrechnungen immer direkt mit einem Tauschpartner stattfinden (und somit keine Gutscheine, die weitergegeben werden können, oder Ähnliches entstehen), kann jede einzelne Tauschleistung nachvollzogen werden. Dies führt wieder zu einer Art sozialer Kontrolle, wie sie in kleinen Dorfgemeinschaften üblich war. Eine Fälschung von Verrechnungseinheiten ist damit ausgeschlossen.

Die in den Qualitätskriterien der Regionalgelder angesprochene Transparenz bezieht sich auf die wichtigsten finanziellen Daten und die Organisation der Initiative. Eine Transparenz in Bezug auf den Fluss des Regiogeldes gibt es nicht. Möglicherweise ist die Anonymität des Regiogeldes auch ein wichtiger Faktor für dessen Erfolg.

Funktionsweise und Wirkung:

Bei den Tauschringen gibt es aufgrund der Vielfältigkeit der Bewegung auch eine Vielzahl von verschiedenen Systemen. Allen gemeinsam ist (mit Ausnahme der Gib & Nimm Tauschringe, die gar nicht verrechnen), dass durch eine selbstständig definierte und nur durch Leistung gedeckte Verrechnungseinheit zusätzlicher Austausch gefördert werden soll.

Mein Fokus liegt aber bei dieser Betrachtung nicht so sehr auf den Unterschieden in der Konstruktion der Tauschringe, sondern auf dem Unterschied bzw. der Kompatibilität zum Regionalgeld. Dabei sehe ich eine pauschale Betrachtung als unmöglich an. Die verschiedenen Ausprägungen sind zu unterschiedlich. Ich glaube, jeder Tauschring und jede Regionalgeldinitiative muss im Hinblick auf eine Kooperation einzeln betrachtet werden.


Nach meiner Einschätzung sind für die Zusammenarbeit (ob von den Teilnehmern gewünscht oder nicht, ist noch eine andere Frage) eher die Faktoren Organisations- und Kommunikationsstruktur sowie Qualität der Angebote erheblich. Je nach Intention der Beteiligten (Regiogeld wie Tauschring) sollten vor Ort die Bedürfnisse, Erwartungen und Ziele in einem gemeinsamen Prozess hinterfragt und abgestimmt werden.


Die Tauschringe orientieren sich sehr stark an den Bedürfnissen der Menschen und versuchen ihre jeweiligen Systeme möglichst auf die beteiligten Menschen auszurichten. Durch die oft relativ ungeklärten, sich vermischenden Wünsche und Erwartungen der Teilnehmer sind viele Tauschringe intensiv mit internen Prozessen und der Klärung direkter sozialer Beziehungen bis hin zu Missverständnissen beschäftigt, die eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit und/oder eine Kooperation mit Regionalgeldinitiativen erschwert.


Die Produkte und Dienstleistungen in den Tauschringen entsprechen nur zu einem kleinen Teil denen, die auch auf den normalen Märkten gehandelt werden. Das Hauptaugenmerk liegt hier auf der Entdeckung und Förderung von verschütteten und vom normalen Markt nicht mehr abgefragten Fähigkeiten. Hier sind vielfach sehr niedrig schwellige Angebote und Fähigkeiten wieder etwas wert und die Teilnehmer können sich durch einfache Tätigkeiten wieder Hilfe in Bereichen organisieren, die auf dem normalen Markt für sie nicht mehr bezahlbar sind. Außerdem wird der Aspekt der gegenseitigen Hilfe und der nachbarschaftlichen Beziehungen sehr hoch bewertet.


Beim Regionalgeld wird durch bewusste Entscheidung und mit einem relativ hohen Organisations- und Informationsaufwand normales Geld aus dem Verkehr gezogen (quasi stillgelegt) und die gleiche Menge Regionalgeld einem regional begrenzten Kreislauf zugeführt. Durch Aufklärung und eine Umlaufsicherung (wobei diese Frage in einigen Initiativen noch strittig ist) soll ein stetiger Umlauf der Ersatzgeldmenge bewirkt werden. Durch den regelmäßigen, regional begrenzten Gutschein-Fluss sollen in der Hauptsache drei Effekte erreicht werden:


1. Der Abfluss der erwirtschafteten Kaufkraft an überregionale oder sogar globale Konzerne soll unterbunden oder zumindest gehemmt werden. Selbst wenn Filialketten oder andere Global Players Regionalgeld einnehmen, so können sie es nur in der Region wieder ausgeben.
2. Durch die regelmäßige Entwertung der Gutscheine, die nur mit einer prozentualen Abgabe an die Initiative verhindert werden kann, soll der Fluss der Kaufkraft verstetigt werden. Dies soll eine Belebung der regionalen Wirtschaft bewirken.
3. Durch die parallele automatische Abgabe an eine gemeinnützige Institution soll die soziokulturelle Entwicklung und damit auch die Akzeptanz des Systems gefördert werden. Gleichzeitig wird versucht, damit die Aufmerksamkeit für eine gemeinwohlorientierte Wirtschaft zu wecken.

Das Regionalgeldsystem orientiert sich sehr stark an den Bedingungen der Wirtschaft und versucht, sich direkt an dieses System anzuschließen. Durch die Konstruktion und die von den Initiativen betriebene Öffentlichkeitsarbeit bewirkt es allerdings eine höhere Bewusstheit über die wirtschaft-lichen Zusammenhänge und deren (negative) Auswirkungen im normalen Wirtschaftssystem.

Die Produkte und Dienstleistungen in den Regionalgeldsystemen entsprechen weitestgehend denen, die auch auf den normalen Märkten gehandelt werden. Aufgrund der Bewusstheit und des Interesses der Teilnehmer an ökologischen und nachhaltigen Entwicklungen und der systembedingten Bevorzugung regionaler Anbieter, kann es zu einer Verstärkung der Nachfrage nach regionalen und nachhaltigen Produkten kommen.

Regionalgeldinitiativen fokussieren weniger auf die Klärung direkter zwischenmenschlicher Beziehungen als auf die mittelbare Befriedigung von Bedürfnissen über Geld. Dieser etwas distanziertere Umgang mit menschlichen Bedürfnissen ermöglicht das Erreichen breiterer Bevölkerungskreise und verzichtet zu einem gewissen Grad auf unmittelbare, d.h. emotional sehr nahe menschliche Beziehungen.


Zusammenfassung:

Aus der intensiven Beschäftigung mit diesem Thema haben sich interessante und auch für mich teilweise neue Sichtweisen ergeben. Mir scheinen für diese Betrachtung hinsichtlich der Kooperation zwischen Regionalgeldern und Tauschringen folgende Punkte von besonderer Bedeutung:


Schöpfung der Einheiten

Bei den Tauschringen können jederzeit (im Rahmen der vereinbarten Limits) anhand der Bedürfnisse neue Verrechnungseinheiten geschöpft werden. Dies bedeutet eine zusätzliche Nachfrage, die ohne Geldmittel entstehen kann.


Beim Regionalgeld wird in der Regel (es gibt auch Systeme, die durch Waren gedeckt sind) schon vorhandenes Geld in einen regionalen Kreislauf umgelenkt.


Transparenz

Bei den Tauschringen geht die Transparenz sehr viel tiefer und lässt wieder soziale Kontrolle möglich werden.

Beim Regionalgeld entsteht durch die Anonymisierung der Gutscheine die Möglichkeit, sich der gemeinschaftlichen Kontrolle zu entziehen.


Vertrauen

Grundsätzlich ist für mich mittlerweile das Vertrauen die wichtigste Komponente unseres gemeinschaftlichen Zusammenlebens. Ohne ein tiefes Vertrauen in das Euro-Geldsystem, das Regionalgeld und/oder den Tauschring kann keines dieser Systeme langfristig Bestand haben.

Tauschringe existieren hauptsächlich auf der Basis des persönlichen Vertrauens und des direkten menschlichen Kontaktes. Sie verzeihen somit eher Unzulänglichkeiten der teilnehmenden Menschen oder des Systems.

Regionalgeld basiert eher auf dem Vertrauen in die Initiative bzw. das Regionalgeldsystem. Es reagiert daher empfindlicher auf Störungen durch menschlich-organisatorische Schwächen.


Ausrichtung der Systeme

Tauschringe sind aus der Wahrnehmung (wenn auch oft unbewusst) der menschlichen Bedürfnisse entstanden. Sie versuchen aus dieser Sicht ein neues, menschlicheres Wirtschafts- bzw. Sozialsystem zu entwickeln und neben das bestehende zu stellen.


Beim Regionalgeld wurde das bestehende Wirtschaftssystem analysiert und durch „technische“ Maßnahmen an die menschlichen Bedürfnisse angenähert.


Grafik zur Ausrichtung der Systeme

Mein Fazit:

Für die Entwicklung einer Kooperation zwischen Regiogeldinitiativen und Tauschringen halte ich eine genaue Betrachtung der jeweiligen Initiativen für wesentlich. Die gößten Chancen für eine sinnvolle Zusammenarbeit sehe ich eher bei marktwirtschaftlich ausgerichteten Tauschringen, in denen die Organisation und die Verbindlichkeit der Mitglieder auch professionellen Ansprüchen genügen. Wie intensiv sich die Zusammenarbeit in der Praxis ausgestaltet, ist stark von den Zielen und den Bedürfnissen der jeweiligen Menschen vor Ort abhängig.

Die Evaluation von Modellen wie zum Bsp. dem Sterntaler, der Tauschring und Regionalwährung kombiniert (und dabei erprobt wie hoch der Anteil der Tauschwährung sein kann, der in das Regionalgeld überführt werden kann ohne dieses Kooperationsmodell zu destabilisieren), wird hoffentlich eines nicht zu fernen Tages dazu führen, dass wir mehr darüber wissen, wie sinnvoll es ist, diese beiden Systeme zu kombinieren. Bis dahin sollten wir bei Mischmodellen eher vorsichtig sein.

Herzliche Grüße aus dem westfälischen Münster Andreas Artmann aartmann@muenster.de

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