Negativzinsen auf Guthaben

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Mit Negativzinsen auf Guthaben versuchen manche Tauschringe, die Tauschaktivität anzuregen. Sie werden in Anlehnung an freiwirtschaftliche Theorien häufiger als Umlaufsicherung(sgebühren) bezeichnet. Andere Bezeichnungen sind: Umlaufimpuls, Demurrage, Nutzungsgebühr, Bereitstellungsgebühr, Standgebühr.[1] Sie können auch als guthabenabhängiger Mitgliedsbeitrag oder eine Art "Aufbewahrungsgebühr" für Guthaben verstanden werden.

Im Widerspruch zu kapitalismuskritischen Klischees sind auch bei normalen Banken und gesetzlicher Währung Negativzinsen möglich. So wird seit 2012 von der Europäischen Zentralbank (EZB) und großen Geschäftsbanken die Einführung von Negativzinsen auf unbare Einlagen vorbereitet.[2] Ende 2013 werden in den USA Gebühren auf Guthaben diskutiert.[3]

Umlaufsicherung

Vorderseite der Wörgler Arbeitswertbestätigung von 1932/33: "Langsam umlaufendes Geld hat … Millionen schaffender Menschen in unsägliche Not gestürzt."
Rückseite der Wörgler Arbeitswertbestätigung von 1932/33: "Als Notabgabe ist monatlich 1% in Marken zu entrichten"
Im deutschsprachigen Raum werden Begriffe wie "Umlaufsicherung" und "Schwundgeld" verwendet, die aus der Freiwirtschaftslehre nach Silvio Gesell stammen. Sie gehen davon aus, dass Geld "im Umlauf" sei und dass es schädlich sei, wenn dieses zu langsam umlaufen würde, etwa weil es manche sparen würden. Die Umlaufsicherung soll einen schnellen Umlauf des Geldes sichern.

Bargeld

Die Berechnung von Geldmenge und Umlaufgeschwindigkeit setzt bei Silvio Gesell die Existenz von Bargeld voraus. Tauschringe bringen aber - im Gegensatz etwa zu Regiogeld und manchen Geldexperimenten - keine bargeldartigen Gutscheine in Umlauf. Es gibt keine allgemein akzeptierte Methode, nach der die Geldmenge und dessen Umlaufgeschwindigkeit in einem Tauschsystem ohne Bargeld berechnet werden könnte.

Sparen

Es ist auch fraglich, ob die Tauschringpraxis mit der kapitalismuskritische Grundannahme der Freiwirtschaft in Einklang zu bringen ist, dass die Menschen vor allem wegen der zu erwartenden Haben-Zinsen Guthaben horten würden. In Tauschringen werden keine Haben-Zinsen bezahlt. Trotzdem häufen sich auf vielen Konten Guthaben. Die Mitglieder nennen meist folgende Motive:

  1. Langfristige Vorsorge: "Spare in der Zeit, so hast du in der Not"
  2. Mittelfristiges Ansparen für ein größeres Projekt, wie etwa ein größeres Fest oder eine größere Renovierung,
  3. Freude am Tun an sich, ohne konkreten Bedarf an Gegenleistungen.

Bei Zeitbanken und Seniorengenossenschaften wäre ein erzwungener Verzicht auf erarbeitete Guthaben widersinnig, weil diese Gemeinschaften ausdrücklich zum Zweck der individuellen Altersvorsorge gegründet wurden.

Mittelfristiges Ansparen für größere Projekte lohnt sich für Menschen, die keine Schulden machen wollen. Von diesem Ansparen profitieren Mitglieder, die entsprechend große Aufträge erhalten. Andererseits bewerten manche Mitglieder das Ansparen kritisch als Anhäufen von "Reichtum".

Tauschanreiz

Negativzinsen auf Guthaben werden auch häufiger als Tauschanreiz bezeichnet oder eingesetzt. Tauschen ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Ein Tauschringmitglied, das nur für andere arbeitet, selbst aber keine Leistungen in Anspruch nimmt, blockiert nicht nur den Umlauf des Geldes, sondern auch den Ausgleich der Leistungsbilanzen. Wer einseitig Waren und Dienstleistungen erbringt, verhindert, dass andere Mitglieder im Tausch entsprechende Gegenleistungen erbringen können.

Die Negativzinsen setzen bei der Gier des Mitglieds an. Anstatt sich die mühsam erarbeiteten Guthaben ohne Gegenleistung abbuchen zu lassen, könnte es anderen Mitgliedern Aufträge geben und so wertvolle Gegenleistungen erhalten.

Im Gegensatz zu harten Limits kann ein Mitglied aber so viel arbeiten wie es will.

Aufbewahrungsgebühr

Der Begriff Aufbewahrungsgebühr betont, dass das Aufbewahren von Guthaben der Gemeinschaft Kosten verursacht. Damit Guthaben erhalten bleiben, muss sich die Orga um eine zuverlässige Buchhaltung kümmern und den Tauschring als Ganzes zusammenhalten. Die Existenz größerer Guthaben erhöht den moralischen Druck auf die einzelnen Tauschringmitglieder, sich dem Tauschring gegenüber loyal zu verhalten. Es ist also sinnvoll, dass Mitglieder, die Guthaben aufbewahren wollen, im Tausch für die dazu notwendigen Organisationsleistungen den anderen Mitgliedern etwas zurückgeben.

Mitgliedsbeitrag

In der Tauschringpraxis zeigt sich, dass ein gewisser Teil der aktiven Mitglieder ganz gerne mehr arbeitet als konsumiert. Für sie ist die Aufbewahrungsgebühr eine angenehme Form, der Gemeinschaft einen Mitgliedsbeitrag zukommen zu lassen.

Beispiele

Einige Tauschringe, die eine Aufbewahrungsgebühr verwenden:

  • Tauschring Hamburg: "Für die Organisation des Tauschringes buchen wir jeden Monat 2% von allen Motten-Guthaben ab. Das soll vor allem Anreiz geben, bei großem Guthaben möglichst viele Tauschgeschäfte nachzufragen, um das Zeitkonto nicht extrem anwachsen zu lassen."[4]
  • Tauschring Markgräflerland: "Damit die Unterschiede nicht zu groß werden und dem Tauschring Mittel zur Verfügung stehen, werden von allen Karten am Jahresende 10% der Talente über 100 abgezogen."[5]
  • Tauschnetz Elbtal: "Damit das Tausch-System gut funktioniert und Leistungsschwächere nicht ausgeschlossen werden, ist es wichtig das eingenommene Talente genutzt (weitergegeben) und nicht „gehortet“ werden. Um diesen Umlauf zu sichern gilt: Wer im Zeitraum eines Kalenderjahres durchschnittlich über 100 Talente auf seinem Konto hat wird mit einer Umlaufsicherung von 12% für den darüberliegenden Anteil belastet. Die Buchung erfolgt Anfang des Jahres für das vorherige Jahr und wird den Projektkonten gutgeschrieben."[6]

Einzelnachweise