Diskussion:Verrechnungseinheit
Aus Tauschwiki
Geld oder nicht Geld, das ist hier die Frage
Sind Verrechnungseinheiten Geld? In der deutschen Tauschringszene scheint es ein deutliches Bedürfnis zu geben, sich ausdrück von "Geld" zu distanzieren. Eine Verwaltungs-Software trägt etwa den Namen "Tauschen ohne Geld". Und viele trenne zwischen einem Tauschring als "Vertrauenssystem" und "Geld". Stellvertretend möchte ich hier auf Aartmanns Bemerkung vom 2. Juli eingehen.
Ich fragte: "Denn wogegen tauscht man eigentlich? Gegen Verrechnungseinheiten. Und inwiefern ist das was anderes als selbstgemachtes Geld?"
Aartmann antwortete: "Leider wird immer wieder (auch in Zeitbasierten Systemen) so argumentiert. In Wirklichkeit tauscht man nicht gegen Verrechnungsgeld, sondern man hofft auf die "Haltbarkeit" des zugrundeliegenden Vertrauenssystems. Denn jede Verrechnungseinheit löst sich auf, wenn es keinen mehr gibt, der Sie einlöst."
Ich halte es für sehr wichtig, diese Diskussion in geeigneter Form hier im Tauschwiki abzubilden, weil sie so täglich in den Tauschringen geführt wird und große Auswirkungen auf das Selbstverständnis und die Organisation von Tauschringen hat.
Meine Argumentation folgt Michael Linton. Ich habe sie in ähnlicher Form auch schon bei anderen Aktivisten und Autoren gelesen. Ich hoffe sie bald anhand besserer Quellen hier im Artikel den entsprechenden Personen zuordnen zu können. Michael Linton sieht die befreiende Wirkung vom LETS gerade in der Möglichkeit Geld selbst zu machen. Bei Euro oder Dollar sind die Regeln durch Staat und Banken vorgegeben. In einem Tauschring kann man die Tauschregeln und damit die Geldpolitik(!) selbst bestimmen:
- Beim LETS ist ausdrücklich verboten, die Tauschwährung/Verrechnungseinheit als Ware (commodity) zu behandeln. Man darf sie weder kaufen noch verleihen.
- Beim LETS sind Zinsen ausdrücklich verboten, sowohl als Verleihgebühr (Kredit) noch als Guthabenzinsen noch als Negativzins.
- Beim LETS wird der Wert an die Landeswährung gekoppelt. (Bei anderen an Lebenszeit.)
- Nur Einzelpersonen können Geld "machen" (personal money), indem sie mit ihrem Konto ins Minus gehen. Das Systemkonto darf nicht ins Minus gehen.
Ich finde den Ansatz "Verrechungseinheiten sind selbstgemachtes Geld" so befreiend, weil er allen Beteiligten mehr Handlungsspielraum gibt. Es ist klar, wer über die Geldregeln bestimmt (die Mitglieder). Es ist klar, dass diese Regeln innerhalb der Gemeinschaft völlig willkürlich gewählt werden können. Und man erkennt plötzlich viel klarer den Unterschied und die Gemeinsamkeiten mit anderen Tauschringen oder mit Konzepten wie Open Money, Green Dollar, Time Dollar, Zeitbank, Regiogeld, Barter usw.
Durch die Vergleichbarkeit stehen dann auch sofort die ganzen Werkzeuge und Erfahrungswerte der anderen Organisationen zur Verfügung.
Stichwort "Vertrauenssystem". Dieser Begriff begegnete mir auch schon wiederholt in Tauschringdiskussionen. Wer sagt denn, das "Geld" kein Vetrauenssystem ist? Ein kleiner Blick in die Geschichtsbücher: 1948 wollte kein Mensch mehr etwas für Reichsmark verkaufen, am Tag nach der Währungsreform waren (in Westdeutschland) die Schaufenster voll: http://de.wikipedia.org/wiki/W%C3%A4hrungsreform_1948_%28Westdeutschland%29
Ich meine, dass dieser "Tauschen ohne Geld"-Gedanke in unserer alternativpolitisch motivierten Tauschringszene eher einer diffusen Verweigerungshaltung gegenüber "Geld" entspringt. "Geld" wir als etwas mystisches verstanden, auf das von Kaptialismuskritik bis zu gesellschaftlichen Utopien alles mögliche projeziert wird.
Ich möchte "Geld" entmystifizieren. Geld ist nichts anderes als ein Tauschmittel.
Wenn man Geld selbst macht, kann man es bewusst gestalten.
Wenn ein Tauschring ignoriert, dass er mit selbst gemachtem Geld arbeitet, ist er dazu verdammt, aus Unkenntnis alle Fehler zu wiederholen, die andere schon gemacht haben. Denn egal, ob man Verrechnungseinheiten "Geld" nennt oder nicht, sie unterliegen den gleichen Gesetzmäßigkeiten.
Auf Gegenargumente freue ich mich schon. :-)
Wie gesagt, das Ziel dieser Diskussion ist ein guter Artikel, wo die verschiedenen Positionen so beschrieben und mit Quellen belegt werden, dass sich der Leser eine eigene begründete Meinung bilden kann. --harr 13:26, 10. Jul. 2010 (CEST)
- @harr (Ich hoffe ich habe das richtig nachgemacht mit dem @ Zeichen und dem Benutzernamen?) Ich könnte einen Freudentanz aufführen. Deine Fragen sind so treffend für einige Urprobleme (bzw. Unklarheiten aus denen dann im Alltag Probleme werden) des Tauschringgedankes. Alsbald möglich werde ich meine (hoffentlich erhellenden) Gedanken dazu hier aufschreiben. --Aartmann 17:31, 11. Jul. 2010 (CEST)
- Hi Aartman, über Freundtanz (und @) freue ich mich sehr! Bin schon gespannt auf deine Gedanken. :-) --harr 19:42, 11. Jul. 2010 (CEST)
- P.S.: Ich war fleißig. :-) Jetzt lautet die Antowrt auf die Ausgangsfrage ganz klar "sowohl als auch". ;-) Meine aktuelle Thesen würde ich so zusammenfassen:
- die Zahlen sind in beiden Fällen die gleichen.
- der Sozialvertrag der Gemeinschaft wird maßgeblich davon beeinflusst, ob sie Verrechnungseinheiten als Tauschmittel oder als moralisches Versprechen begreift.
- die große Verwirrung entsteht, weil manche Leute Geldbegriffe verwenden, aber das moralische Versprechen meinen, und andere wiederum Geldbegriffe scheuen, aber trotzdem in Geldkategorien denken.
- es gibt ein Tabu in unserer Gesellschaft, Umverteilung von Leistenden auf Nichtleistene als Umverteilung zu bezeichnen. Dennoch besteht bei vielen Menschen ein großes Anspruchsdenken auf eben diese Umverteilung. Sie übertragen dieses Denken auch auf Tauschringe. Sie begreifen Tauschringe als unverbindliche Versorgungsstelle und nicht als verbindliche Solidargemeinschaft. Es sind genau diese Menschen, die sich gegen Transparenz bei der Leistungsverrechnung sträuben.
- So, und jetzt ab in die Sonne... --harr 14:42, 20. Jul. 2010 (CEST)
- P.S.: Ich war fleißig. :-) Jetzt lautet die Antowrt auf die Ausgangsfrage ganz klar "sowohl als auch". ;-) Meine aktuelle Thesen würde ich so zusammenfassen: