Benutzer: Harr/Zeitgeber

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"Die Zeitgeber" ist ein angedachtes Konzept für ein sozial motiviertes, kooperatives, gemeinwesenorientiertes Zeittauschsystem. Es basiert vor allem auf praktischen Erfahrungen bestehender deutscher Zeittauschringe, den amerikanischen TimeBanks nach E. Cahn und soziologischen Theorien zu Reziprozität und Gabe.

Die Kunst bei der Gestaltung von Tauschringregeln liegt meines Erachtens in der feinen Abwägung unterschiedlicher Bedürfnisse der Mitglieder. Die einen wollen ihre wirtschaftlichen Transaktionen möglichst präzise und zuverlässig ohne Bargeld abrechnen, wie es etwa Barter Clubs ermöglichen. Sie nehmen eingegangene Kreditverpflichtungen sehr ernst. Die anderen verstehen "Tauschen" in einem weiteren,unverbindlichen Sinn. Sie nehmen Schulden auf die leichte Schulter und wolle sie jederzeit "streichen" können. Sie beanspruchen für sich das Recht, Tauschleistungen genauso einseitig konsumieren zu können wie Wohlfahrtleistungen.

Zeittauschringe sind m.E. irgendwo dazwischen angesiedelt. Im Gegensatz zur Wohlfahrt sind sie eine Form der ökonomischen Selbsthilfe, wo sich die Beteiligten gegenseitig helfen. Im Gegensatz zur Umsonstökonomie werden die einzelnen Transaktionen durchaus wirtschaftlich bewertet und dokumentiert. Im Gegensatz zum ökonomisch exakten Tauschprinzip haben sie aber auch einen sozial ausgleichenden Aspekt, der die gleichberechtigte Teilnahme von Menschen unterschiedlicher Leistungsfähigkeit und Bedürftigkeit ermöglicht.

Bei den heute üblichen Zeittauschringen passen m.E. die zugrundeliegenden Tauschregeln nicht zu der gelebten Praxis. Das schlägt sich in der kontrovers diskutierten Überschuldung des Verwaltungskontos nieder, die ich an anderer Stelle provokativ als Vorreiter einer Schenkkultur umdeute.

Das "Zeitgeber"-Modell soll das theoretische Modell der praktischen Realität anpassen. Es versteht Tausch im weiteren Sinne. Es vertraut auf die beziehungsfördernde Natur des (Gaben)tauschs als konstitutierendes Element der Tausch-Gemeinschaft. Es vertraut auf das intuitive Verständnis von Reziprozität in Gemeinschaften, in ihrem gesamten Spektrum von positiver bis negativer Reziprozität, das sehr personen- und kontextabhängig ist und mit einfachen Kennzahlen kaum zu erfassen ist.

Graswurzelbewegung

Die Zeitgeber verstehen sich als Graswurzelbewegung:[1]

  • Sie sind an einen Ort gebunden.
  • Die einzelnen Personen stehen im Mittelpunkt.
  • Sie kommen mit wenig formalen Strukturen aus.
  • Jede einzelne Gruppe hat Mitglieder. Jeder weiß, wer "dazu gehört" und wer nicht.
  • Die Organisation besteht nur solange sie Beteiligten es nützlich und sinnvoll finden.

Soziale Werte

Die Zeitgeber basieren auf ähnlichen Werten wie die TimeBanks USA[2]:

  • Jeder Mensch ist wertvoll. Jeder Mensch hat etwas zu geben. ("We are all assets. We all have something to give.")
  • Der Preis der Arbeit sagt wenig über ihren Wert aus. ("Some work is beyond price.") Ausgerechnet für die gesellschaftlich wichtigsten Tätigkeiten fehlt Anerkennung: Kinder aufziehen, Familienzusammenhalt stärken, Gemeinwesen wiederbeleben, an der Demokratie beteiligen, soziale Gerechtigkeit fördern.
  • Gegenseitige Hilfe statt einseitiger Fürsorge. ("Reciprocity.") Aus der Frage "Wie kann ich dir helfen?" sollte die Frage werden: "Wie können wir uns gegenseitig helfen, unsere Umwelt so zu gestalten, dass wir alle gerne hier leben?"
  • Soziale Netzwerke aufbauen. ("Social Networks.") Menschen, die sich gegenseitig helfen, bauen Netzwerke gegenseitiger Unterstützung auf, schaffen Vertrauen, stärken ihre lokalen Gemeinwesen.
  • Respekt. ("Respect") Die Achtung vor dem Anderen ist die Grundlage unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Respekt heißt nicht, das jedes Verhalten toleriert werden muss. Respekt beruht auf Gegenseitigkeit. Freiheit ist Freiheit des Anderen. :-)

Aus diesem Wertesystem ergibt sich, dass die Qualität der sozialen Beziehungen im Netzwerk Vorrang vor ökonomischer Präzision hat.

(Nicht vergessen: Wer für seine Leistungen "mehr" herausholen will, als er im Tauschring zu erhalten erwartet, kann sie jederzeit auf dem freien Markt gegen gesetzliche Währung verkaufen oder direkt gegen andere Waren oder Dienstleistungen eintauschen.)

Größe der Gruppe

Der Schlüssel für ein funktionierendes lokales Netzwerk liegt meines Erachtens im lokalen Bezug des Netzwerks. Die Erfahrung mit bestehenden Tauschringen zeigt, dass Mitglieder "vor Ort" andere Bedürfnisse haben als Mitglieder die weiter außerhalb wohnen.

  • Räumlich klar und eng begrenztes Einzugsgebiet stärkt die Identifikation mit dem Gemeinwesen/Kiez.
  • Kurze Wege - am besten sollten sich alle Mitglieder fußläufig erreichen können - vereinfachen die Terminplanung (spontane Hilfe möglich), reduzieren die Kosten (keine nennenswerten Wegezeiten oder Fahrtkosen).
  • Häufigere persönliche Kontakte stärken das lokale soziale Netz.
  • Die Grenzen des Einzugsgebiets sollen sich an historisch gewachsenen Strukturen orientieren, die für die Einwohner ein spürbare Bedeutung haben. Also keine willkürlichen Verwaltungsgrenzen, sondern eher gewachsene Viertel, Kieze, Organisationen und Sozialraumorientierung. Der Tauschring kann dazu beitragen, die Vernetzung innerhalb dieses Einzugsgebietes zu fördern.
  • Weniger als 100 Mitglieder, damit sich alle persönlich kennenlernen können. Ab einer gewissen Größe geht der Sinn für die Gemeinschaft verloren und der Tauschring kippt in die Anonymität. Dann Ausgliedern einer Teilgruppe, die als Ableger wieder wachsen kann ("Erdbeerstrategie", strawberry strategy)
  • vgl. auch Kleine Anfrage im Bundestag 1997#Gutschein: Tauschvorgänge örtlich begrenzt
  • vgl. auch Kleine Anfrage im Bundestag 1997#Gefälligkeiten und Nachbarschaftshilfe: Nachbar = räumliche oder verwandschaftliche Nähe

Modell A

Ziel: Gaben.

  • Kontobewegungen spiegeln Leistungsflüsse. Wer sich eine Stunde für andere verausgabt hat hinterher weniger aus seinem Zeitkonto. Wer jemand eine Stunde für sich arbeiten ließ, hat eine Stunde gewonnen und damit mehr auf seinem Zeitkonto. Die Leistungen an sich sind das "geldwerte Gut" im Sinne des Einkommenssteuergesetzes, nicht irgendwelche Punktegutschriften.
  • Stundenzettel müssen von Leistungsgeber und Leistungsnehmer gemeinsam unterschrieben werden, wenn sie im Buchungssystem eingetragen werden sollen. Sie belegen eine bereits stattgefundenen Transaktion zwischen zwei Menschen. Sie sind kein Geld, kein Gutschein, kein Überweisungsauftrag.
  • Stundenzettel dokumentieren nur bereits erbrachte Leistungen. Sie stellen keinen Anspruch auf zukünftige Leistungen dar!
    vgl. auch Kleine Anfrage im Bundestag 1997#Gefälligkeiten und Nachbarschaftshilfe: Gefälligkeit = keine Erwartung einer Gegenleistung
    vgl. auch Kleine Anfrage im Bundestag 1997#Liebhaberei: keine Einkünfteerzielungsabsicht
    vgl. auch Kleine Anfrage im Bundestag 1997#Anrechenbare Einkommen: keine Abgeltung von Leistungen
  • Die Stundenzettel ermöglichen eine Anerkennung von erbrachten Leistungen und beeinflussen die Reputation der Mitglieder innerhalb einer Gemeinschaft. Wer noch nicht weiß, ob er für eine bestimmte Person arbeiten möchte, kann sich anhand der Gabenbiographie eine begründete eigene Meinung bilden.

Modell B

Ziel: Umverteilung.

Die Tauschregeln verstärken die beiden Prinzipien: sozialer Ausgleich und die Stärkung nachhaltiger lokale Netzwerke.

Grundsatz der Freiwilligkeit (vgl. auch consent bei LETS):

  • Der Eintritt ist freiwillig. Kein neues Mitglied darf ohne sein Wissen und ohne seine Zustimmung aufgenommen werden. Die bisherigen Mitglieder dürfen frei wählen, wen sie aufnehmen und wen nicht.
  • Der Austritt sind freiwillig. Kein Mitglied darf gegen seinen Willen am Austritt gehindert werden. Um die Interessen der Gemeinschaft zu schützen, ist die Mitgliedschaft an bestimmte Bedingungen geknüpft. Wer sie nicht erfüllt, wird ausgeschlossen. Um Schmarotzertum vorzubeugen, werden die Kontostände von ausgetretenen Mitgliedern im Internet, Tauschringzeitungen und anderen Medien mit vollem Namen, Geburtsdatum und weiteren identifizierenden Daten des Ex-Mitglieds solange regelmäßig veröffentlicht, bis das Ex-Mitglied das Konto ausgeglichen hat.
  • Die Aufnahme von Kredit ist freiwillig. Es werden kein Mitgliedsbeitrag, Umlagen oder andere Kosten vom Konto abgebucht. Es gibt nur eine Möglichkeit, dass das Konto ins Minus kommt - durch eigenen freiwilligen Konsum. Damit liegt die Verantwortung für Restschulden beim Austritt ausschließlich beim Kreditnehmer.

Abwägung von Leistungsgerechtigkeit und sozialem Ausgleich:

  • Nur wer etwas leistet, kann etwas abgeben. Eine Abbuchung regelmäßiger Mitgliedsbeiträge von inaktiven Mitgliedern und Verschuldung zu Lasten von unpersönlichen Gemeinschaftskonten sind sinnlos, weil diese Geldschöpfung durch keine persönlichen Leistungen gedeckt ist.
  • Wer viel leistet, kann auch viel abgeben. Über eine Kombination aus Umsatzgebühr und Aufbewahrungsgebühr tragen die leistungsfähigen und leistungsbereiten Mitglieder die Gemeinschaft. Wenn die Gebühren zu hoch angesetzt werden und der Beitrag der Leistenden von den Nichtleistenden nicht ausreichend anerkannt wird, verliert die Gemeinschaft ihre Leistungsträger.
  • Wer etwas leisten kann, muss auch etwas leisten. Schmarotzer werden geächtet. Aber die Gemeinschaft fängt Mitglieder auf, die in eine unverschuldete Notlage geraten sind.
  • Schulden gehören dazu. Damit der Tauschring funktioniert, muss ein Teil der Mitglieder mit den Konten im Minus sein. Solange ein Mitglied seine sonstigen Pflichten erfüllt, ist es herzlich willkommen, den Tauschring als Kredit-Gemeinschaft zu nutzen. Zum Schutz der Gemeinschaft gibt es ein einheitliches hartes Limit für die Höhe der einzugehenden Kredit. Die Zeitgeber unterstützen persönliche Bürgschaften, bei denen sich einzelne Mitglieder öffentlich bereit erklären, die Schulden eines anderesn Mitglieds bis zur Höhe X anteilig zu übernehmen.

Umsatzgebühr:

  • Mitglieder können gefahrlos längere Zeit pausieren, ohne automatischen Schuldenanhäufung befürchten zu müssen.
  • Mitglieder brauchen kein Sicherheitspolster anzusparen, um sich vor Abrutschen ins Minus zu schützen.
  • Monatsbeiträge stören das Gespür für den Wert der Tauschwährung, weil sie unabhängig von tatsächlich erbrachter oder genutzer Leistung erhoben werden.
  • Durch die Umsatzgebühr wird der Tauscher bei jedem einzelnen Tausch immer etwas mehr Zeit geben, als er später zurückerhält. Das ist einer der Gründe, warum das System "Zeitgeber" und nicht "Zeittauscher" heißt. :-) Dafür wird aber mit jedem Tausch das System als Ganzes gestärkt, was dem Tauscher langfristig in Form eines tragfähigen und leicht verfügbaren sozialen Netzwerks zugute kommt.
  • Wenn Tauscher lieber direkt miteinander tauschen, als die Tauschgeschäfte zu verbuchen, weil sie die Umsatzgebühr sparen wollen, ist das durchaus gewünscht. Das Ziel der Zeitgeber ist nicht, bei möglichst viele Transaktionen Gebühren abzuschöpfen, sondern ein soziales Netzwerk zu knüpfen, wo sich die Nachbarn leicht und unbürokratisch helfen können.

Aufbewahrungsgebühr:

  • Tauschanreiz und klares Signal, dass kurzfristiger Kontoausgleich erwünscht ist.
  • Langfristiges Sparen würde eine so kleine Organisation überfordern, da niemand ihren langfristigen Bestand garantieren kann.
  • Große Guthaben blockieren das Tauschgeschehen, weil die Kreditaufnahme durch Limits begrenzt ist.

Festes Minus-Limit, das leistungsabhängig freigegeben wird.

  • Variante 1: Neue Mitglieder haben ein Minuslimit von Null. Mit jeder geleisteten Stunde wird das Minus-Limit um eine Stunde erweitert bis zum für alle Mitglieder einheitlichen Maximum. Keine Ausnahmen! Die leistungsabhängige Freigabe stärkt das Gespür für den Wert der Tauschwährung. Nur wer bereits 10 Stunden innerhalb des Tauschrings geleistet hat, kann abschätzen, wie leicht oder schwer es ihm fallen würde, einen Kredit von 10 Stunden wieder abzuarbeiten. Das erhöht die Identifikation mit dem Tauschwährungssystem und damit die Verlässlichkeit der Tauschbeziehungen.
  • Variante 2: Neue Mitglieder erhalten einen kleines Minuslimit von etwa 1 bis 2 Stunden als Vertrauensvorschuss. Wenn niemand ins Minus gehen kann, kann auch niemand ins Plus gehen. :-/ Die Freigabe des allgemeinen Limits setzt aber an eine gewisse Mindeststundenzahl erbrachter Leistungen voraus. Limit und Mindeststundenzahl sollten so gewählt werden, dass die einzelnen Mitglieder abschätzen können, wie aufwändig es für sie ist, Kredit abzuarbeiten, und dass die Gemeinschaft vor allzu großen Ausfällen geschützt ist.
  • Variante 3: Einheitliches Minimallimit kann über persönliche Bürgschaften bis zur Höhe X erweitert werden. Die Anzahl und Höhe der Bürgschaftszusagen für ein Mitglied tragen maßgeblich zu seiner Reputation bei. (!!Ausarbeiten)

Nur Dienstleistungen, keine Waren.

  • Arbeitszeit lässt sich in Stunden messen. Der Wert von Waren nicht. Der Name "Zeitgeber" soll verdeutlichen, dass es um das Geben von Zeit geht, nicht um Warentausch.
  • Für das Tauschen, Leihen, Verschenken und Verkaufen von Waren gibt es genug andere Plattformen. Klare Abgrenzung gegenüber Abfallentsorgung.
  • Die Beschränkung auf Dienstleistungen soll auch verdeutlichen, dass die Tauschwährung Zeit keine universelle Währung ersetzen kann, sondern nur für ausgewählte Dienste verwendet werden kann.
  • vgl. auch Kleine Anfrage im Bundestag 1997#Gutschein

Keine feste Umrechnung von Zeit in Euro, niemals.

  • Eine Stunde ist eine Stunde. Es geht bei den Zeitgebern ausdrücklich um die Tätigkeiten, für die es besonders schwer ist, einen angemessenen Preis festzusetzen.
  • Gespaltene Buchführung, doppelte Auszeichnung. Euro-Kosten (etwa für Wareneinsatz, Benzingeld usw.) werden in Euro erstattet, die Arbeitszeit in Stunden verrechnet. Euro sind Euro, Stunden sind Stunden.
  • Jedes einzelne Mitglied hat das Recht und die Pflicht für sich selbst zu entscheiden, was seine Arbeitszeit in Euro wert wäre. Ein zentral festgesetzter Umrechnungskurs würde einen Einheitslohn in Euro definieren. Mitglieder könnten sich Dienstleistungen erkaufen, was dem Grundprinzip der gegenseitigen Selbsthilfe widerspräche.
  • Wer für Euro Dienstleistungen kaufen oder verkaufen will, kann (und soll) sich am kommerziellen Markt beteiligen. Dafür gibt es Euro und Markt.

Keine Schulden auf Gemeinschaftskonten! Gemeinschaftskonten sind für die Verrechnung von gemeinschaftlichen Aufgaben sinnvoll, solange sie positiv bleiben. Negative Gemeinschaftskonten entsprechen einer zentralen Geldschöpfung, die dem Grundprinzip des Tauschens als persönliches Geldes (vgl. a. LETS) widersprechen.

Keine Verrechnung von Außentausch über Gemeinschaftskonten. Keine Außenkonten. Kein RTR. Außentausch, soweit sinnvoll, kann als Naturaltausch, Kauf oder Geschenk zwischen Einzelpersonen abgewickelt werden. Das Hauptziel der Zeitgeber ist lokale Vernetzung und ökonomische Selbsthilfe innerhalb des Gemeinwesens. Erfahrungsaustausch und persönlicher Kontakt zu anderen Tauschringen ist erwünscht, aber jeder Tauschring sollte wirtschaftlich autonom bleiben. Die Nebenwirkungen einer wirtschaftlichen Vernetzung stehen in keinem Verhältnis zu ihrem Nutzen. Eine Ausnahme wären vielleicht lokal sehr eng miteinander kooperierende Tauschringe, die eine gemeinsame übergeordnete lokale Clearingstelle betreiben oder sich über spezielle Außenkonten miteinander verknüpfen. Damit könnten auch größere Städte flächendeckend mit Tauschringen versorgt werden, die einzelnen Tauschringe aber so klein bleiben, dass der persönliche Kontakt im Kiez gewährleistet bleibt.

Schenken statt Tauschen. Letztlich sind die Zeitgeber ein schenkökonomisches Wirtschaftsmodell. Es geht darum, seine Zeit zu geben ("Zeitgeber"). Geben ist aber nur möglich, wenn es auch Abnehmer gibt. Ein Teil der Mitglieder muss also "ins Minus" gehen. Manche vorübergehend (als Kredit), manche auf Dauer (aus Gesundheits- oder anderen Gründen). Wer viel gibt, erwirbt also keine einklagbaren Ansprüche, sondern nur einen gewissen moralischen Anspruch auf Gegenleistung. Ob sich im Zweifel jemand finden wird, der diesen Anspruch auch einlöst, ist schwer vorherzusagen.

Da das Zeitgeber-Modell ausdrücklich sozial motiviert ist (im Sinne einer Unterstützung Schwächerer durch die Stärkeren), ist eine Kultur des Schenkens erwünscht. Wer viele Stunden gearbeitet hat, aber dafür keine Gegenleistung eintauschen möchte, wird gebeten, diese Stundengutschriften sozial Schwächeren zu schenken. So können diese Leistungen in Anspruch nehmen, ohne dafür Kredit aufnehmen zu müssen. Durch das Verrechnungssystem können aber alle Beteiligten genau steuern, wie viel sie tauschen, schenken oder verbrauchen wollen.

Modell C

Ziel: Nachbarschaftshilfe vor Ort.

Was erwarten die Teilnehmer eines Nachbarschaftshilfetauschrings eigentlich von ihrer Organisation? Endlose abgebhobene Diskussionen über die Welt- und Geldpolitik? Nein. Die meisten aktiven Mitglieder wollen einfach Kontakt mit ihren Nachbarn aufnehmen und sich gegenseitig helfen, den Alltag zu meistern. Ganz praktisch und handfest.

Nur Leistungsverrechnung:

Mitgliederkonten:

  • einheitliches Minuslimit - Schutz vor Trittbrettfahrern und Günstlingswirtschaft. Restminus bei Austritt bleibt der Person zugeordnet. Ausgleich von Restminus nur durch Spenden von anderen Mitgliedern bzw. durch Dienste für andere Mitglieder oder die ganze Gemeinschaft. (Evtl. sogar ein Limit von Null?)
  • kein Pluslimit - Anerkennung der Engagierten.

Gemeinschaftskonto:

  • Bezeichnung "Gemeinschaftskonto" - Stärkung des Gemeinschaftsbewusstseins
  • kann beliebig ins Minus gehen, aber nur durch Leistungen im Auftrag der Gemeinschaft, die von MOMO (Meister offener Mittelorganisation), einem "Zeitschatzmeister" oder einer Art "Bevollmächtigten" beauftragt wurden.
  • kann Spenden von einzelnen Mitgliedern annehmen, insbesondere Restplus von Austretenden.
  • Nur ein einziges Gemeinschaftkonto. Keine Verwaltungs-, System-, Austritts-, Außen- oder sonstige Konten, da keine Mitgliedsbeiträge, ungedeckte Geldschöpfung, Verrechnung von Austritten, Verrechnung von Außentausch oder sonstiges vorgesehen. - Anerkennung von Diensten für die Gemeinschaft. Anreiz für die Orga, möglichst viele Dienste an Mitglieder zu delegieren.

Lokale Gemeinschaft:

Beschränkung auf Gefälligkeiten:

  • Nur Dienstleistungen, keine Waren. Waren werden in Euro bezahlt oder direkt getauscht, z.B. selbstgemachte Marmelade oder Kuchen.
  • "Echtes Geld für echte Arbeit". Im Tauschring nur Gefälligkeiten zwischen Nachbarn. Keine Konkurrenz zu regulärer Wirtschaft, keine Ausbeutung durch "Bezahlung" mit wertlosem Fantasiegeld. Echte Arbeit wird in Euro oder Naturalien bezahlt, z.B. Putzen oder handwerkliche Dienstleistungen. Ist fairer gegenüber den hart Arbeitenden. Ist rechtlich und steuerlich einfacher, insbesondere für Gewerbetreibende.
  • "Leihen statt Tauschen". Nutzen von Leihbörsen und anderen Möglichkeiten, seinen Nachbarn kurzfristig mit praktischen Dingen auszuhelfen.
  • "Beitragen statt Tauschen". Aktive Förderung einer unbürokratischen Kultur des Beitragens, z.B. bei Festen.
  • "Schenken statt Tauschen". Aktive Förderung einer unbürokratischen Kultur des Ehrenamts und des Schenkens, z.B. durch Kooperation mit Gastfreundschaftsnetzwerken, Umsonstläden, …

Satzung:

  • Organisatorischer Aufbau wie ein klassischer (nicht eingetragener) Verein mit Vorstand, Mitgliedern und Wahlen.
  • Geringer Mitgliedsbeitrag in Euro. Deckt die üblichen Materialkosten. Einfaches Kriterium, ob sich auch ein Wenig- oder Nichttauscher noch als Mitglied ansieht. Nicht zu hoch, damit Teilnahme wirklich für jeden offen steht (Größenordnung etwa eine Schachtel Zigaretten oder eine Flasche Wodka ;-)

Ist das alles noch Tausch im Sinne eines Leistungsversprechens oder gibt's hier auch eine Überschuldung der Gemeinschaftskonen? Weder noch.

Wirtschaftlich gesehen ist das Modell der Schenkökonomie zuzurechnen. Es berücksicht die Praxiserfahrung, dass es in Tauschringen mehrere Gruppen von Teilnehmern gibt: die Helfer und Horter (viel Plus auf Konto), die Hilfeempfänger und Schnorrer (Konto tief im Minus) und die Tauscher (ausgeglichene Konten). Es berücksichtigt die Praxiserfahrung, dass viele Tauschringteilnehmer keine "moralische Verpflichtung" gegenüber der Gemeinschaft empfinden. Es berücksichtigt die Praxiserfahrung, dass ein Großteil der Teilnehmer nicht bereit ist, notwendige Sanktionen zum Durchsetzen des theoretisch notwendigen Leistungsausgleichs in der Gemeinschaft zu tragen. Das Modell geht vielmehr von der Praxis in real existierenden Tauschringen aus. Das hier beschriebene Modell müsste (fast) alles einfach ermöglichen, was die aktiven Teilnehmer auch heute schon gerne machen.

Auf Unverständnis dürfte das Modell vor allem bei diesen Interessentengruppen stoßen:

  • Auswärtige, die nicht im Einzugsgebiet leben, aber trotzdem mitmachen wollen. Weggezogene, die das Einzugsgebiet verlassen haben, und deswegen austreten müssen.
  • Ferntauscher, die mit ihrer "Tauschwährung" auch an anderen Orten bezahlen wollen.
  • Umverteiler, die von Kaufkraft ohne eigene Leistung träumen, insbesondere Befürworter des Grundeinkommens.
  • Weltverbesserer, die das komplette Wirtschaftssystem neu erfinden wollen - am besten ganz "ohne Geld" - es in der Praxis aber mit selbstgebasteltem Geld im Maßstab 1 zu 1 Milliarde originalgetreu nachbauen, mit allen Fehlern.

Dieses Modell hat viel geringere Ansprüche. Es soll nur eine Lücke in unserem Wirtschaftssystem füllen. Nicht mehr, nicht weniger. Es soll genau die Lücke zwischen unentgeltlichen Freundschaftsdiensten und gut bezahlter Profiarbeit füllen, die auch die bestehenden Tauschringe füllen. Es soll aber mit weniger theoretischem Überbau, weniger Bürokratie und weniger inneren Widersprüchen auskommen. Es ist maßgeschneidert für die Bedürfnisse der Leute, die einfach nur einen geregelten äußeren Rahmen brauchen, um loszulegen.

Inspiration

Personen:

Einzelnachweise

Weblinks