Benutzer:Harr/Zeitgeber

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"Die Zeitgeber" ist ein angedachtes Konzept für ein sozial motiviertes, kooperatives, gemeinwesenorientiertes Zeittauschsystem. Es basiert vor allem auf praktischen Erfahrungen bestehender deutscher Zeittauschringe, den amerikanischen TimeBanks nach E. Cahn und soziologischen Theorien zu Reziprozität und Gabe.

Die Kunst bei der Gestaltung von Tauschringregeln liegt meines Erachtens in der feinen Abwägung unterschiedlicher Bedürfnisse der Mitglieder. Die einen wollen ihre wirtschaftlichen Transaktionen möglichst präzise und zuverlässig ohne Bargeld abrechnen, wie es etwa Barter Clubs ermöglichen. Sie nehmen eingegangene Kreditverpflichtungen sehr ernst. Die anderen verstehen "Tauschen" in einem weiteren,unverbindlichen Sinn. Sie nehmen Schulden auf die leichte Schulter und wolle sie jederzeit "streichen" können. Sie beanspruchen für sich das Recht, Tauschleistungen genauso einseitig konsumieren zu können wie Wohlfahrtleistungen.

Zeittauschringe sind m.E. irgendwo dazwischen angesiedelt. Im Gegensatz zur Wohlfahrt sind sie eine Form der ökonomischen Selbsthilfe, wo sich die Beteiligten gegenseitig helfen. Im Gegensatz zur Umsonstökonomie werden die einzelnen Transaktionen durchaus wirtschaftlich bewertet und dokumentiert. Im Gegensatz zum ökonomisch exakten Tauschprinzip haben sie aber auch einen sozial ausgleichenden Aspekt, der die gleichberechtigte Teilnahme von Menschen unterschiedlicher Leistungsfähigkeit und Bedürftigkeit ermöglicht.

Bei den heute üblichen Zeittauschringen passen m.E. die zugrundeliegenden Tauschregeln nicht zu der gelebten Praxis. Das schlägt sich in der kontrovers diskutierten Überschuldung des Verwaltungskontos nieder, die ich an anderer Stelle provokativ als Vorreiter einer Schenkkultur umdeute.

Das "Zeitgeber"-Modell soll das theoretische Modell der praktischen Realität anpassen. Es versteht Tausch im weiteren Sinne. Es vertraut auf die beziehungsfördernde Natur des (Gaben)tauschs als konstitutierendes Element der Tausch-Gemeinschaft. Es vertraut auf das intuitive Verständnis von Reziprozität in Gemeinschaften, in ihrem gesamten Spektrum von positiver bis negativer Reziprozität, das sehr personen- und kontextabhängig ist und mit einfachen Kennzahlen kaum zu erfassen ist.

Inhaltsverzeichnis

Graswurzelbewegung

Die Zeitgeber verstehen sich als Graswurzelbewegung:[1]

Soziale Werte

Die Zeitgeber basieren auf ähnlichen Werten wie die TimeBanks USA[2]:

Aus diesem Wertesystem ergibt sich, dass die Qualität der sozialen Beziehungen im Netzwerk Vorrang vor ökonomischer Präzision hat.

(Nicht vergessen: Wer für seine Leistungen "mehr" herausholen will, als er im Tauschring zu erhalten erwartet, kann sie jederzeit auf dem freien Markt gegen gesetzliche Währung verkaufen oder direkt gegen andere Waren oder Dienstleistungen eintauschen.)

Größe der Gruppe

Der Schlüssel für ein funktionierendes lokales Netzwerk liegt meines Erachtens im lokalen Bezug des Netzwerks. Die Erfahrung mit bestehenden Tauschringen zeigt, dass Mitglieder "vor Ort" andere Bedürfnisse haben als Mitglieder die weiter außerhalb wohnen.

Modell A

Ziel: Gaben.

Modell B

Ziel: Umverteilung.

Die Tauschregeln verstärken die beiden Prinzipien: sozialer Ausgleich und die Stärkung nachhaltiger lokale Netzwerke.

Grundsatz der Freiwilligkeit (vgl. auch consent bei LETS):

Abwägung von Leistungsgerechtigkeit und sozialem Ausgleich:

Umsatzgebühr:

Aufbewahrungsgebühr:

Festes Minus-Limit, das leistungsabhängig freigegeben wird.

Nur Dienstleistungen, keine Waren.

Keine feste Umrechnung von Zeit in Euro, niemals.

Keine Schulden auf Gemeinschaftskonten! Gemeinschaftskonten sind für die Verrechnung von gemeinschaftlichen Aufgaben sinnvoll, solange sie positiv bleiben. Negative Gemeinschaftskonten entsprechen einer zentralen Geldschöpfung, die dem Grundprinzip des Tauschens als persönliches Geldes (vgl. a. LETS) widersprechen.

Keine Verrechnung von Außentausch über Gemeinschaftskonten. Keine Außenkonten. Kein RTR. Außentausch, soweit sinnvoll, kann als Naturaltausch, Kauf oder Geschenk zwischen Einzelpersonen abgewickelt werden. Das Hauptziel der Zeitgeber ist lokale Vernetzung und ökonomische Selbsthilfe innerhalb des Gemeinwesens. Erfahrungsaustausch und persönlicher Kontakt zu anderen Tauschringen ist erwünscht, aber jeder Tauschring sollte wirtschaftlich autonom bleiben. Die Nebenwirkungen einer wirtschaftlichen Vernetzung stehen in keinem Verhältnis zu ihrem Nutzen. Eine Ausnahme wären vielleicht lokal sehr eng miteinander kooperierende Tauschringe, die eine gemeinsame übergeordnete lokale Clearingstelle betreiben oder sich über spezielle Außenkonten miteinander verknüpfen. Damit könnten auch größere Städte flächendeckend mit Tauschringen versorgt werden, die einzelnen Tauschringe aber so klein bleiben, dass der persönliche Kontakt im Kiez gewährleistet bleibt.

Schenken statt Tauschen. Letztlich sind die Zeitgeber ein schenkökonomisches Wirtschaftsmodell. Es geht darum, seine Zeit zu geben ("Zeitgeber"). Geben ist aber nur möglich, wenn es auch Abnehmer gibt. Ein Teil der Mitglieder muss also "ins Minus" gehen. Manche vorübergehend (als Kredit), manche auf Dauer (aus Gesundheits- oder anderen Gründen). Wer viel gibt, erwirbt also keine einklagbaren Ansprüche, sondern nur einen gewissen moralischen Anspruch auf Gegenleistung. Ob sich im Zweifel jemand finden wird, der diesen Anspruch auch einlöst, ist schwer vorherzusagen.

Da das Zeitgeber-Modell ausdrücklich sozial motiviert ist (im Sinne einer Unterstützung Schwächerer durch die Stärkeren), ist eine Kultur des Schenkens erwünscht. Wer viele Stunden gearbeitet hat, aber dafür keine Gegenleistung eintauschen möchte, wird gebeten, diese Stundengutschriften sozial Schwächeren zu schenken. So können diese Leistungen in Anspruch nehmen, ohne dafür Kredit aufnehmen zu müssen. Durch das Verrechnungssystem können aber alle Beteiligten genau steuern, wie viel sie tauschen, schenken oder verbrauchen wollen.

Modell C

Ziel: Nachbarschaftshilfe vor Ort.

Was erwarten die Teilnehmer eines Nachbarschaftshilfetauschrings eigentlich von ihrer Organisation? Endlose abgebhobene Diskussionen über die Welt- und Geldpolitik? Nein. Die meisten aktiven Mitglieder wollen einfach Kontakt mit ihren Nachbarn aufnehmen und sich gegenseitig helfen, den Alltag zu meistern. Ganz praktisch und handfest.

Nur Leistungsverrechnung:

Mitgliederkonten:

Gemeinschaftskonto:

Lokale Gemeinschaft:

Beschränkung auf Gefälligkeiten:

Satzung:

Ist das alles noch Tausch im Sinne eines Leistungsversprechens oder gibt's hier auch eine Überschuldung der Gemeinschaftskonen? Weder noch.

Wirtschaftlich gesehen ist das Modell der Schenkökonomie zuzurechnen. Es berücksicht die Praxiserfahrung, dass es in Tauschringen mehrere Gruppen von Teilnehmern gibt: die Helfer und Horter (viel Plus auf Konto), die Hilfeempfänger und Schnorrer (Konto tief im Minus) und die Tauscher (ausgeglichene Konten). Es berücksichtigt die Praxiserfahrung, dass viele Tauschringteilnehmer keine "moralische Verpflichtung" gegenüber der Gemeinschaft empfinden. Es berücksichtigt die Praxiserfahrung, dass ein Großteil der Teilnehmer nicht bereit ist, notwendige Sanktionen zum Durchsetzen des theoretisch notwendigen Leistungsausgleichs in der Gemeinschaft zu tragen. Das Modell geht vielmehr von der Praxis in real existierenden Tauschringen aus. Das hier beschriebene Modell müsste (fast) alles einfach ermöglichen, was die aktiven Teilnehmer auch heute schon gerne machen.

Auf Unverständnis dürfte das Modell vor allem bei diesen Interessentengruppen stoßen:

Dieses Modell hat viel geringere Ansprüche. Es soll nur eine Lücke in unserem Wirtschaftssystem füllen. Nicht mehr, nicht weniger. Es soll genau die Lücke zwischen unentgeltlichen Freundschaftsdiensten und gut bezahlter Profiarbeit füllen, die auch die bestehenden Tauschringe füllen. Es soll aber mit weniger theoretischem Überbau, weniger Bürokratie und weniger inneren Widersprüchen auskommen. Es ist maßgeschneidert für die Bedürfnisse der Leute, die einfach nur einen geregelten äußeren Rahmen brauchen, um loszulegen.

Inspiration

Personen:

Einzelnachweise

  1. http://www.grassrootsgrantmakers.org/grassroots-grantmaking/what-is-a-grassroots-group/
  2. http://timebanks.org/about

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