Benutzer:Harr/Schöneberger Tauschringmodell

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Titel: Das Schöneberger Tauschringmodell: neue Tauschregeln für alte Tauschringe

Autor: Harald Friz (Berlin)

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Auf den ersten Blick sind Tauschringe eine großartige Idee. Menschen tun sich zusammen, um ohne Bargeld Waren und Dienstleistungen zu tauschen. Ein Tauschring ist offen für alle. Auch wer keinen Pfennig mehr in der Tasche hat, kann mitmachen. Im Alltag Ausgegrenzte und Vereinzelte finden Anschluss an eine solidarische Gemeinschaft, wo ein sozialeres Verhältnis zu Arbeit und Entlohnung praktiziert wird. Bei den in Deutschland üblichen Zeittauschringen wird meist sogar die Lebenszeit aller Mitglieder gleich bewertet, egal ob sie hochqualifiziert fachlich beraten oder einfach ein paar Kisten schleppen helfen.

Auf den zweiten Blick haben fast alle Tauschringe große Probleme. Nur die wenigsten Mitglieder "tauschen" in dem Sinne, dass sie genauso viel Geben wie Nehmen. Buchhalterisch lassen sich die Probleme an den Kontoständen ablesen. In einem idealen Tauschring würden sich alle Kontostände immer etwa um Null herum bewegen. Ich backe dir heute einen Kuchen, du putzt morgen Bernd die Fenster, er repariert mir übermorgen mein Fahrrad. In den meisten realen Tauschringen sieht es anders aus.

Die einen Mitgliede arbeiten gerne und häufen lieber "Guthaben" an, als anderen Mitgliedern Aufträge zu geben. Die anderen lassen gerne für sich arbeiten und leben mit wachsenden "Schulden", die sie mangels Aufträgen nie mehr abarbeiten können oder mangels sozialen Gewissens nicht abarbeiten wollen. Die dritten wiederum arbeiten in der Verwaltung, wo sie aus der Gemeinschaftskasse auch dann noch gut bezahlt werden wollen, wenn diese schon längst ausgeschöpft ist. Wenn jemand mit offenen Verbindlichkeiten austritt oder das Gemeinschaftskonto überzieht, fühlen sich die anderen nicht verantwortlich.

Inhaltsverzeichnis

Tauschregeln

Ich meine, dass die Ursache vieler dieser Probleme in den Regeln zu suchen ist, nach denen sich die meisten deutschen Tauschringe organisieren. Interessanterweise weiß niemand so genau, woher diese Tauschregeln eigentlich stammen. Manche beziehen sich auf das Michael Linton in den 1980ern entwickelte Modell des "Local Exchange and Trading System" (LETS), manche berufen sich auf freiwirtschaftliches Gedankengut. Diese Modelle definieren Komplementärwährungen, die an das gesetzliche Zahlungsmittel gebunden sind.

In Deutschland hat sich aber das Modell der Zeittauschringe durchgesetzt. Meines Wissens gibt es keine gemeinsame theoretischen Grundlage für dieses Modell. Es ist vielmehr durch wenig reflektiertes gegenseitiges Abschreiben der Tauschregeln gewachsen. Deswegen ähneln sich die meisten deutschen Tauschringe in ihren Grundregeln und in ihren Problemen.

Ich möchte eine kritische Auseinandersetzung mit diesem kleinsten gemeinsamen Nenner anregen. Seit der großen Gründungswelle Mitte der 1990er sind fast zwanzig Jahre vergangen. Die Tauschringszene kann auf einen großen Erfahrungsschatz zurückblicken. Ich meine, dass es an der Zeit ist, aus den Erfahrungen zu lernen.

Im Folgenden möchte ich anhand des "Schöneberger Tauschringmodells" typische Probleme ansprechen und eine mögliche Alternative anbieten. Dieser Diskussionsbeitrag soll helfen, ein Standardmodell für Nachbarschaftstauschringe zu entwickeln, das leicht zu verstehen und umzusetzen ist.

Auf Mitgliedsbeiträge verzichten

Für die Organisationsteams (Orga) von Tauschringen sind monatliche Mitgliedsbeiträge verführerisch einfach einzusammeln. Kaum ein Tauschring verzichtet freiwillig auf diese Einkommensquelle. Die Gemeinschaftskasse füllt sich jeden Monat ohne weiteres Zutun. Ich meine, dass die Nebenwirkungen fester Mitgliedsbeiträge auf die einzelnen Mitglieder und den Tauschring als Ganzes massiv unterschätzt wird.

Sehr häufig läuft eine Mitgliedschaft in einem Tauschring so ab: Jemand tritt ein, tauscht aber nicht. Vom Mitgliedskonto wird jeden Monat ein bestimmter Betrag abgebucht. Das Mitglied tut nichts. Irgendwann ergreift jemand von der Orga die Initiative und fragt nach. Das Mitglied antwortet: "ich habe nie getauscht, möchte auch in Zukunft nicht tauschen. Kann ich nicht einfach wieder austreten?" Was soll die Orga machen? Mit Zwangsmaßnahmen drohen? Das geben Satzung und Gesetzgebung nicht her. Die Moralkeule schwingen? Das geht, beeindruckt aber niemanden, der sagt: "ich hatte ganz vergessen, dass ich noch Mitglied beim Tauschring bin; aber ich habe ihn ja auch nie genutzt". In der Praxis werden bei solchen Mitgliedern die eingesammelten Mitgliedsbeiträge vom Systemkonto wieder zurückgebucht und das Konto geschlossen. Die Verwaltungsakte und die Kontobewegungen täuschen darüber hinweg, was das Mitglied tatsächlich beigetragen hat: nichts.

Viele Mitglieder tauschen nur gelegentlich. Wer im Jahr 2 Stunden Fenster putzt, dafür aber 3 Stunden Mitgliedsbeiträge abgeben soll, fragt sich irgendwann, was das soll. Diese Gelegenheitstauscher sind von den Beiträgen besonders frustriert. Sie können für ihre Leistungen nichts eintauschen, weil die Mitgliedsbeiträge alle Ansprüche auf Gegenleistungen auffressen.

Feste monatliche Abbuchungen vertreiben also genau die Mitglieder, für die Nachbarschaftshilfe-Tauschringe gedacht sind. Sie wollen ab und zu mal mit ihren Nachbarn kleine Gefälligkeiten tauschen. Sie haben etwas anzubieten, was andere brauchen. Sie sind aktiv. Aber sie wollen für ihre konkrete Arbeitsleistung auch eine konkrete Gegenleistung erhalten. Wenn die Mitgliedsbeiträge unverhältnismäßig teuer sind, lohnt sich das Tauschen nicht. Die Mitglieder treten aus.

Nur bei besonders leistungsbereiten Mitgliedern fallen die Mitgliedsbeiträge nicht ins Gewicht. Sie haben große Tauschumsätze und oft auch ein hohes Plus auf dem Konto, weil sie aus eigenem Antrieb viel für Andere tun. Aber wer durch seine Aktivitäten schon viel zum Tauschring beiträger, will nicht auch noch Mitgliedsbeiträge abgebucht bekommen.

Letztlich sind Mitgliedsbeiträge nur für die Empfänger interessant. Aus diesem Grund wurden sie bei den meisten Tauschringen auch eingeführt. Die Tauschringverwaltung wollte bezahlt werden und hat deswegen die einfachste Form der Umverteilung gewählt: die monatliche Abbuchung von festen Beträgen.

Keine Tauschgeschäfte zu Lasten von Gemeinschaftskonten

Aber wie soll ein Tauschring die Orga bezahlen, wenn er keine Mitgliedsbeiträge mehr einnimmt? Ich meine, dass überhaupt nichts zu Lasten von Gemeinschaftskonten vergütet werden sollte.

Die Erfahrung zeigt, dass ein Tauschring sehr viel mehr Arbeit macht, als durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und andere Einkommensquellen je vollständig vergütet werden könnnte. Jemand muss immer zurückstecken. Aber wer? Der Kampf um die Verteilung des begrenzten Budgets führt zu Spannungen innerhalb der Vorstände und zwischen allen Mitgliedern, die sich für den Tauschring engagieren: "Warum kriegt der was für seine Arbeit und ich nicht?"

Die Aussicht auf Entlohnung scheint außerdem unqualifizierte und unbeliebte Mitglieder anzuziehen. Sie brauchen dringend einen bezahlten Auftrag, etwa um die abgebuchten Mitgliedsbeiträge abzuarbeiten. Von anderen Tauschringmitgliedern erhalten sie aber keinen.

Wenn solche Mitglieder die Verwaltungsarbeit - und damit meist auch die Leitung - des Tauschrings übernehmen, führt das zu einer Zentralisierung und Erstarrung von Tauschringen. Sie brauchen das Einkommen aus der Gemeinschaftskasse. Diese muss über einen Umverteilungsmechanismus von den Mitgliedern gefüllt werden. Die Bezahlung der Verwaltung wird zum Selbstzweck.

Wenn man den Zweck der Tauschringe in der ökonomischen Selbsthilfe sieht, sollten die freiwilligen Tauschgeschäfte der Mitglieder untereinander wichtiger sein als das Eintreiben einer Zwangsabgabe für eine ineffektive Bürokratie. Jeder einzelne Buchungsvorgang auf den Konten der Mitglieder sollte einem von beiden Seiten freiwillig vereinbarten und im Einverständnis abgerechneten Tauschgeschäft entsprechen. Aber wer ist eigentlich der Tauschpartner bei einer Buchung vom Gemeinschaftskonto? Wer entscheidet, ob eine bestimmte Verwaltungstätigket überhaupt von der Gemeinschaft gewünscht wurde und wie sie bewertet werden soll? In der Praxis fehlt meist die Kontrolle. Verwaltungskräfte rechnen Tätigkeiten über Gemeinschaftskonten ab, die von den restlichen Mitglieder überhaupt nicht gewünscht werden oder nur zu einem sehr viel geringeren Preis.

Ehrenamtliche dagegen müssen sich nicht für die Abrechnung von Tätigkeiten rechtfertigen, die keiner wollte. Wenn jemand Freude daran hat, jede Woche eine zehnseitige Zeitung zu produzieren, die kein Mensch liest, stört das niemanden, solange sie keiner abkaufen muss. Genauso kann es den einzelnen Mitgliedern egal sein, wenn jemand für einfachste Verwaltungstätigkeiten Stunden braucht, weil er auf Hilfe oder Anleitung verzichtet.

Wer für seine Tätigkeit eine Bezahlung möchte, kann sie weiterhin als freiwilligen Tausch zwischen Mitgliedern verrechnen. Vielleicht ist ja manchen Mitgliedern diese Zeitung eine entsprechende Bezahlung wert!

Aber was ist, wenn keiner bereit ist, die Verantwortung für den Tauschring ohne Bezahlung zu übernehmen? Dann muss der Tauschring aufgelöst werden. Eine Gruppe für ökonomische Selbsthilfe, bei der niemand bereit ist, Zeit und Arbeit beizutragen, hat ihren Sinn verloren.

Unbgrenzte Geldschöpfung

Aber was wäre, wenn man einfach alle Gemeinschaftstätigkeiten aus der Gemeinschaftskasse bezahlen würde? Wenn die Einnahmen durch die Mitgliedsbeiträge nicht reichen, könnten die Gemeinschaftskonten einfach überzogen werden. Das kommt oft genug vor und wird an anderer Stelle unter dem Stichwort "Überschuldung des Verwaltungskontos" diskutiert.

Beitragen statt tauschen

Anstatt alle zu bezahlen, wird beim "Schöneberger Tauschringmodell" niemand bezahlt. Alle können sich einbringen, wie sie möchten. Da Bezahlung als Motivation wegfällt, werden sich nur die Menschen beteiligen, die sich aus persönlichem Interesse engagieren. Manche freuen sich über die gute Gelegenheit zu tun, was sie ohnehin gerne tun. Manche freuen sich über die Gelegenheit, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen.

Dieses Modell des Beitragens ("Peer Economy") dürfte jeder aus eigener Erfahrung kennen. Man lädt zum Buffet oder Picknick ein, und jeder bringt was zu Essen mit.

Zahllose Vereine funktionieren sehr gut mit rein ehrenamtlicher Arbeit. Welcher Sportverein bezahlt schon seinen Vorstand oder Schatzmeister? Warum sollte das bei einem Tauschring anders sein?

Gemeinschaftskonten limitieren

Für manche Gemeinschaftsaktivitäten ist es durchaus praktisch, wenn man sie über gemeinsame Konten abrechnet. Über eine Kaffeekasse lassen sich etwa die Erlöse aus Kuchen- und Kaffeeverkauf an die Bäcker und Servicekräfte verteilen.

Viele Tauschringen nutzen für diese Verrechnung ihr Verwaltungskonto. Das hat den Nachteil, dass schwer nachzuvollziehen ist, wer jetzt eigentlich für den Kuchen bezahlt hat. Der Tauschring aus der Gemeinschaftskasse? Oder die Kuchenesser, die die Gemeinschaftskasse nur zur Verrechnung benutzt haben?

Eine Lösung wären projektbezogene Durchlaufkonten, wo für jedes Projekt erst die Einnahmen gesammelt und dann wieder verteilt werden. So ein Konto wird mit Null eröffnet, sammelt ein Guthaben an und ist bei Projektende wieder Null. So lässt sich ganz einfach nachvollziehen, wo noch etwas offen ist.

Solche Projektkonten sind für alle Aufgaben geeignet, wo etwas zwischen mehreren Mitgliedern verrechnet werden muss. Entscheidend sind dabei mehrere Punkte:

Über solche projektbezogenen Durchlaufkonten lässt sich vieles vergüten, was sonst über das Verwaltungskonto vergütet würde. Zehn Mitglieder wollen jeden Monat einen Brief mit aktuellen Informationen zugeschickt bekommen? Kein Problem. Sie suchen sich jemanden, der diesen Brief schreibt, druckt und versendet und bezahlen ihn dafür. Ob in Tauschwährung und/oder in Euro ist dabei egal.

Schwer zu beurteilen, ob es sinnvoller ist, ganz auf Gemeinschaftskonten zu verzichten oder projektbezogene Durchlaufkonten als Ausnahme zu erlauben. Vermutlich ist die Arbeitsersparnis bei der Zahl der Buchungsvorgänge den Abstimmungsaufwand zwischen den Zugriffsberechtigten nicht wert.

Nach dem Schöneberger Tauschringmodell ist es besser ganz auf Gemeinschaftskonten zu verzichten. Wenn sie aber doch eingerichtet werden sollen, dann sollten sie ein hartes unteres Limit von Null haben.

Offene Verbindlichkeiten bei Austritten sofort auf alle verteilen

In den Tauschregeln so gut wie aller Tauschringe steht der Satz, dass ein Mitglied nur mit ausgeglichenem Konto austreten kann. In der Praxis treten viele Mitglieder aber auch mit Schulden auf ihrem Konto aus, ohne dass die Tauschringe etwas dagegen unternehmen könnte. Sie müssen die Schulden dann aus der Gemeinschaftskasse ausgleichen. Das führt wiederum zu Missmut bei der Orga, weil ihr Budget für die Verwaltungsarbeit schrumpft. Und die anderen Mitglieder fragen sich, wofür sie eigentlich Mitgliedsbeiträge zahlen.

Im "Schöneberger Tauschringmodell" werden Kosten für Austritte sofort auf alle Mitglieder verteilt.

Erstens wird so deutlicher, dass Austritte mit Schulden keine normalen Gemeinschaftsausgaben sind. Es sind Ausnahmefälle, die eigentlich überhaupt nicht vorkommen dürften. Sie betreffen alle Mitglieder der Gemeinschaft, weil das austretende Mitglied den Vertrag mit der ganzen Gemeinschaft aufgekündigt hat.

Zweitens erhöht das den sozialen Druck auf die austrittswilligen Mitglieder. Durch die sofortige Umlage wird der Austritt namentlich in den Kontoauszügen aller anderen Mitglieder dokumentiert. Wer das nicht möchte, muss sich anderweitig um Ausgleich kümmern.

Da nach dem Schöneberger Tauschringmodell keine Mitgliedsbeiträge abgebucht werden, dürfte der Hauptgrund wegfallen, warum Mitglieder beim Austritt Schulden haben. Kaum ein Mitglied, dass nach zwei Jahren Inaktivität austritt, fühlt sich für die aufgelaufenen Mitgliedsbeiträge zuständig. Es habe doch übernicht getauscht. Warum solle es jetzt die vielen Stunden abarbeiten, für die es gar keine Leistungen erhalten habe? Wenn auf dem Konto aber nur noch reale Tauschgeschäfte (und die gelegentlichen Minusaustritte) verbucht werden, ist es sehr viel schwieriger, sich der moralischen Verpflichtung zum Ausgleich zu entziehen. Wer ein Minus hat, hat Leistungen in Anspruch genommen, ohne dafür Gegenleistungen zu erbringen. Ein Tauschring lebt aber vom Tausch.

Sozialausgleich automatisieren

Die meisten Tauschringmitglieder dürften zustimmen, dass Tauschringe auch eine soziale Funktion haben. Das wird auch in wissenschaftlichen Analysen und in der überregionalen Arbeit immer wieder deutlich. Nur bei der konkreten Umsetzung tun sich viele schwer. Manche Tauschringe haben Sozialkonten eingerichtet, tun sich aber schwer mit Vergabekriterien. Der soziale Ausgleich findet dann eher indirekt statt, spätestens beim Austritt. Die einen hinterlassen großzügige Spenden, die anderen offene Forderungen.

Ich meine, dass die wesentliche soziale Funktion eines Tauschrings in seiner Existenz liegt. Ein Tauschring ergänzt anderer Wirtschaftssysteme um ein wertvolles Angebot. Das Ziel sollte also ein Mechanismus sein, der die nachhaltige Existenzsicherung eines Tauschrings fördert. Wesentlich ist dafür der langfristige Ausgleich von Geben und Nehmen, der sich zahlenmäßig in Kontoständen um Null herum ausdrückt.

Die Erfahrung zeigt, dass Vieltauscher von sich aus für ausgeglichene Konten sorgen. Sie sind im Tauschring, weil sie tatsächlich tauschen wollen. Sie arbeiten gerne für andere, fordern dafür aber auch Gegenleistungen ein. Genauso sind die Konten von Wenigtauschern ausgeglichen. Wer nie leistet oder Leistungen nutzt, bleibt auch bei Null. (Es sei denn, es werden monatliche Mitgliedsbeiträge abgebucht.) Problematisch sind die Mitglieder, die überwiegend geben oder überwiegend nehmen. Sie schaffen von sich aus keinen Ausgleich.

Das "Schöneberger Tauschringmodell" setzt hier auf einen automatischen Sozialausgleich durch monatliche Negativzinsen auf Plus- und Minuskonten in Höhe von 3%. Dieser Mechanismus mag manche vielleicht an die Umlaufsicherung nach der Freiwirtschaftslehre erinnern. Aber es hier sollen keine Guthaben etwertet werden, um "Geld" in Umlauf zu halten. Die Tauschwährung eines Tauschrings ist kein "Geld" in diesem Sinne. Es geht hier um einen Ausgleich von Geben und Nehmen bei Mitgliedern, die ihn nicht aus eigener Kraft schaffen können oder wollen.

Der Sozialausgleich wird immer zum Monatsersten auf den Kontostand des Vortages berechnet. Von jedem Pluskonto werden 3% zu Gunsten des Systemkontos abgezogen. Jedem Minuskonto werden 3% zu Lasten des Systemkontos gutgeschrieben. (Die optimale Höhe des Zinssatzes muss die Praxis zeigen, vermutlich irgendwo zwischen 1% und 5% im Monat.)

Wer sich aktiv um den Ausgleich seines Kontos kümmert, ist vom so erzwungenen Sozialausgleich nicht betroffen, egal wie hoch der Umsatz auch sein mag. 3% von Kontostand Null sind Null. Mitglieder, die überwiegend leisten, tragen zum Wohlergehen der Gemeinschaft bei, auch ohne Arbeitsaufträge vergeben zu müssen. Mitglieder, die überwiegend in Anspruch nehmen, werden von ihren Verbindlichkeiten entlastet.

In den Mitglieder- und Kontostandslisten wird neben dem Tauschumsatz für alle Mitglieder auch aufgeführt, wieviel sie zum Sozialausgleich beigetragen bzw. wieviel sie davon in Anspruch genommen haben. So erfahren die Vielarbeiter Anerkennung, die durch ihren Verzicht auf Gegenleistung den Sozialausgleich überhaupt erst ermöglichen.

Der große Vorteil dieses Modells ist die Selbstregulierung des Systems Tauschrings. Symmetrisches Tauschverhalten wird belohnt, asymmetrisches Tauschverhalten wird ohne zentrale bürokratische Eingriffe abgefedert. Der Sozialausgleich kann durch geeignete Software vollautomatisch vorgenommen werden. Die einzelnen Mitglieder können durch ihr Tauschverhalten selbst bestimmen, in welchem Umfang sie sich am Sozialausgleich beteiligen möchten.

(ausführen: Problemfall Außenkonto; Limits: symmetrisch? minus hart/plus weich? ... ; Systemkonto bewegt sich automatisch richtung Null)

Auf Nahraum beschränken

Das Schöneberger Tauschringmodell ist kein Feldversuch für alternative Wirtschafts- und Finanztheorien, die das herrschende Wirtschafte- und Finanzsystem eines Tages ablösen könnten. Das Schöneberger Tauschringmodell beschränkt sich auf die Förderung der Nachbarschaftshilfe.

"Nachbarschaftshilfe" ist wörtlich gemeint! Ein Tauschring nach dem Schöneberger Tauschringmodell beschränkt sich auf ein geographisch eng begrenztes Gebiet. Die Mitglieder sind tatsächlich Nachbarn, die so nah beieinander wohnen und leben, dass man auch für kleinere Gefälligkeiten die Anfahrtszeit gerne in Kauf nimmt. Die räumliche Nähe stärkt auch den sozialen Zusammenhalt. Die gemeinsame Nachbarschaft trägt zur Identifikation mit dem Ort bei. Und dank der kurzen Wege sehen sich die Mitglieder häufiger.

Außentausch mit Mitgliedern anderer Tauschringen widerspricht diesem Nachbarschaftsgedanken. Deswegen braucht ein Tauschring nach dem Schöneberger Tauschringmodell keine Außenkonten und muss auch nicht Mitglied bei Clearingstellen wie RTR oder VeSTa sein. Durch diese Selbstbeschränkung bleibt die Tauschringbuchhaltung schön einfach und für alle Mitglieder gut verständlich.

Wenn ein Mitglied gerne häufiger mit Mitgliedern eines anderen Tauschrings tauschen möchte, kann es gerne auch diesem Tauschring beitreten. Doppelmitgliedschaften sind mit dem Schöneberger Tauschringmodell sehr gut vereinbar. Über solche Doppelmitglieder können auch die andere Mitglieder bei Bedarf Tauschgeschäfte mit anderen Tauschringen abwickeln.

Das Schöneberger Tauschringmodell soll den persönlichen Kontakt stärken und die gegenseitige Nachbarschaftshilfe fördern. Es ist nicht Aufgabe des Tauschrings, Außentauschgeschäfte abzurechnen. Aber wenn sich Mitglieder untereinander zum Außentausch verhelfen, ist das ganz im Sinne des Schöneberger Tauschringmodells.

Eine weitere Selbstbeschränkung gibt es bei der Mitgliederzahl. Ein Tauschring nach dem Schöneberger Tauschringmodell sollte nur so viele Mitglieder haben, wie sich im Laufe der üblichen Tausch- und Gemeinschaftsaktivitäten auch persönlich kennenlernen können. 1000 Mitglieder sind sicherlich zu viel. Andererseits sollte der Tauschring nicht zu klein sein, weil sich dann der Aufwand nicht mehr lohnt. 5 Personen können ihre gegenseitige Hilfe auch einfacher organisieren. Die ideale Größe dürfte vermutlich bei 50 bis 250 Mitgliedern liegen.

Der geographische Einzugsbereich und die Kritierien für die Mitgliederauswahl sollten so festgelegt werden, dass der Tauschring diese Größe langfristig gut halten kann. Der Tauschring sollte bei Neuaufnahmen wählerisch sein. Und er sollte sich auf ein Verfahren einigen, wie er sich von desinteressierten Mitglieder auch wieder trennen kann, vor allem wenn diese ihre offenen Verpflichtungen nicht ausgleichen wollen.

(Frage: wie "aktiv" muss ein Mitglied sein? Ist es sinnvoll, wenn jemand alle 2 Jahre nur mal ein halbes Stündchen die Nachbarkatze hütet?)

Internet nutzen

Das alte Tauschringmodell stammt noch aus Zeiten, als die Buchhaltung von Hand oder auf nicht vernetzten PCs erledigt wurde. Kontostände zu berechnen und Kontoauszüge zu verschicken erforderte viel Handarbeit. Obwohl es schon seit längerem Online-Buchungssysteme gibt, wurde das Tauschringmodell an sich bisher noch nie an die neuen Möglichkeiten angepasst. Auch Begriffe wie "Tauschzeitung" oder "Tauschbeleg" stammen aus Zeiten, als Tauschanzeigen nur über gedruckte Zeitungen kostengünstig verbreitet werden konnten. Regelmäßige statistische Auswertungen, wie sie für eine wirkungsvolle Selbstregulierung nötig sind, waren technisch überhaupt nicht machbar.

Da sich das "Schöneberger Tauschringmodell" gut automatisieren lässt, müsste sich der alltägliche Verwaltungsaufwand mit einem geeigneten Online-Buchungssystem für viele Tauschringe drastisch reduzieren lassen. Ein Großteil der verbleibenden Verwaltungsarbeit kann von vielen Mitgliedern selbst erledigt werden. Was dann noch übrig bleibt erfordert vor allem engagierte Mitarbeiter, die Verantwortung übernehmen.

Für sie ist es nicht wichtig, dass ihre Tätigkeit über Mitgliedsbeiträge entlohnt wird, sondern dass sie mit anderen engagierten Mitgliedern gut zusammenarbeiten können. Auch hier hilft das "Schöneberger Tauschringmodell", weil es zahlreiche Konfliktquellen entschärft und Selbstregulierungsmechanismen anbietet. So kann sich die Orga um das wirklich wichtige kümmern: den persönlichen Kontakt zwischen den Mitgliedern fördern.


Hinweis zur Bezeichnung: Das Schöneberger Tauschringmodell ist nach dem Berliner Stadtteil Schöneberg benannt, wo das Modell von Harald Friz seit 2010 entwickelt und bei der TauschOase Schöneberg in einer frühen Vorstufe exemplarisch umgesetzt wird.

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