Benutzer: Harr/Einfachst möglicher Tauschring

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Titel: Nachhaltige Tauschringmodelle: der einfachst mögliche Zeittauschring

Autor: Harald Friz (Berlin)

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Mit Tauschringen lässt sich Nachbarschaftshilfe einfach und kostengünstig organisieren. Sie schließen eine Lücke zwischen Staat und Markt einerseits und rein persönlichen Netzwerken andererseits. Aber wie sollte so ein Tauschring konstruiert sein, damit er nicht zum bürokratischen Monstrum wird?

Nachbarschaftshilfe

Nachbarschaftshilfe-Tauschringe vermitteln private Kontakte zwischen Menschen in einer Nachbarschaft, die sich bei den vielen kleinen Aufgaben des Alltags gegenseitig unterstützen wollen. Es geht um Gefälligkeiten wie Blumengießen im Urlaub, Hilfe beim Aufräumen, Hilfe bei Büroarbeiten, uvm. Sie sind für die Vermittlung von Tätigkeiten nützlich, um die man auch Freunde und Bekannte bitten würde, wenn sie denn in der Nähe wohnten und gerade Zeit hätten.

Aus der Erfahrung lernen

Seit der großen Gründungswelle Anfang der 1990er haben sich in Deutschland einige Hundert Tauschringe gebildet. Die meisten Tauschringe werden als lokale soziale ökonomische Projekte gegründet, als eine Form der wirtschaftlichen Selbsthilfe. Manche verfolgen hochgesteckte finanz- und sozialreformatorische Ziele.

Die Erfahrung der letzten zwanzig Jahre hat gezeigt, dass die Mehrzahl der bestehenden Tauschringe sich an den immer gleichen Problemen aufreibt:

Die Probleme sind allgemein bekannt. Sie werden vor Ort innerhalb der Tauschringe und auf überregionalen Tauschringkonferenzen immer wieder angesprochen. Aber es hat sich bis heute keine Lösung herauskristallisiert, die allgemein akzeptiert würde. Die Diskussionen werden meist ergebnislos abgebrochen, weil die unterschiedlichen Lösungsansätze nicht miteinander vereinbar sind. Die einen sehen das Problem, wollen aber nichts ändern. Die anderen setzen auf mehr Regeln, mehr Kontrolle und mehr Verwaltung. Die dritten verzweifeln beim Versuch, eine Lösung zu finden, die allen Zielvorstellungen gerecht wird.

Meiner Erfahrung nach haben viele Tauschringmitglieder eine klare intuitive Vorstellung vom Tauschring-Prinzip. In der Praxis werden Tauschringe aber mit zahlreichen weiteren Zielen und Aufgaben überfrachtet. Sie sollen die Welt retten, die Kunst fördern, sozial Schwächere unterstützen, eine private Zusatzrente bieten und nebenbei noch eine gerechtere Alternative zur herrschenden Wirtschaftsordnung schaffen.

Ich sehe die Lösung in der Beschränkung auf das Wesentliche. Wenn man die heute üblichen Tauschringmodelle von allem Unnötigen entlastet, was bleibt dann übrig? Wie würde der einfachst mögliche Tauschring aussehen?

Die Nische finden

Tauschringe werden einfacher, wenn sie bestehende Wirtschaftssysteme nicht ersetzen müssen, sondern nur ergänzen sollen. Es gilt die Nische zu finden, wo Tauschringe besser geeignet sind als die Alternativen.

Keine Währung

In Deutschland gibt es seit Jahrzehnten eine stabile gesetzliche Währung. So faszinierend die Vorstellung von alternativen lokalen Währungen auch sein mag, so bieten diese den Anwendern keinerlei Vorteile, solange die gesetzliche Währung ihre Aufgaben erfüllt. Historisch gesehen haben sich alternative lokale Währungen nur in Notzeiten bewährt, wenn die gesetzliche Währung zusammengebrochen war. Eine Analyse der historischen Beispiele zeigt auch, wie kompliziert es ist, eine alltagstaugliche Währung zu schaffen, die alle wichtigen Geldfunktionen erfüllt.

Der einfachst mögliche Tauschring verzichtet im Gegensatz zu manchen Geldexperimenten auf den Anspruch, eine neue allgemeingültige Währung zu schaffen. Er verzichtet auch auf eine Verrechnung von Außentauschgeschäften über Tauschwährungen. Er beschränkt sich auf ein lokales Verrechnungssystem für Tauschgeschäfte.

Kein Warentausch

Für den Kauf, Verkauf und Tausch von Waren gibt es zahlreiche bewährte Möglichkeiten: Tauschbörsen, Naturaltausch, Flohmärkte, Umsonstläden, Auktionen, Händler, Kleinanzeigen, Wohnungsauflöser, Recyclinghöfe, Schwarzmärkte, Community Supported Agriculture und vieles mehr.

Der einfachst mögliche Tauschring kann sich auf Dienstleistungen beschränken.

Bestehende Wirtschaftssysteme und Netzwerke nutzen

Für Dienstleistungen gibt es wiederum kommerzielle Anbieter, die von ihrer Arbeit leben wollen. Wer seine Wohnung renovieren will, einen größeren Umzug plant, oder eine Putzfrau sucht, findet ein großes Angebot. Wer sich das nicht leisten kann, findet Unterstützung bei Sozialeinrichtungen oder Freiwilligendiensten. Daneben gibt es noch zahlreiche Netzwerke, die kostenlose Angebote vermitteln, wie etwa Couchsurfing für Übernachtungsplätze in fremden Städten.

Der einfachst mögliche Tauschring kann sich auf kleine Gefälligkeiten im Alltag beschränken.

Gefälligkeiten in der Nachbarschaft

Durch die Beschränkung auf kleine Gefälligkeiten in der Nachbarschaft bewegt sich der einfachst mögliche Tauschring auch rechtlich in einer sicheren Nische.[1] Der Vorwurf von Schwarzarbeit entfällt. Einkommensteuer dürfte auch nicht mehr anfallen.

Lokales Gemeinwesen

(… vgl. Riede 1996 …)

Reale Bedürfnisse realer Menschen

(…)

An bestehende Organisation anlehnen

Bei Nachbarschaftshilfetauschringen bietet es sich an, mit Nachbarschaftsheimen, Kirchengemeinden und anderen lokal fest verankerten Organisationen zusammenarbeiten. Im einfachsten Fall sichert das eine feste Postadresse und einen bezahlbaren Veranstaltungsort für regelmäßige Termine.

Es bietet sich auch eine arbeitsteilige Partnerschaft mit einem Freiwilligendienst oder einer Sozialeinrichtung an. Das entlastet die Tauschringe von Fürsorge- und sozialpädagogischen Aufgaben und bereichert die Sozialeinrichtung um ein soziales Netzwerk der gegenseitigen ökonomischen Selbsthilfe.

Ebenso bietet sich eine arbeitsteilige Partnerschaft mit Trödelmärkten, Warentauschtagen, Tauschbörsen, Umsonstläden und anderen Warentauschsystem an. Viele Tauschringmitglieder wollen Waren tauschen, auch wenn sich ein Tauschring dafür nicht eignet. Die Veranstalter der Tauschbörsen wiederum profitieren von engagierten Beteiligten und Arbeitskräften.

Teil einer bestehenden Organisation sein

Ein Tauschring muss keine eigenständige Gemeinschaft sein. Es bietet sich auch an, innerhalb eines bestehenden Vereins oder einer bestehenden Gemeinde einen Tauschring zu gründen, wie schon 1992 der döMak-Tauschring in Halle. In diesem Umfeld wäre ein Tauschring nur ein spezialisierter Zusatzservice für die bereits vorhandenen Mitglieder. Das entlastet den Tauschring von den ganzen Aufgaben der Gemeinschaftsbildung und der Identitätssuche.

Der einfachst mögliche Tauschring kann sich dann auf die einfachst mögliche Verrechnung von Dienstleistungen in einer bereits bestehenden Gemeinschaft beschränken.

Beispiel: Genossenschafts-Kooperationsring Midanand

Satzung und Tauschregeln

Zu den allgemein akzeptierten Merkmalen eines Tauschrings gehört die Mitgliedschaft. Auch beim einfachst möglichen Tauschring kann nur mitmachen, wer von der Gruppe als Mitglied aufgenommen wurde. Eintritt, Austritt und Teilnahme sind freiwillig. Der einfachst mögliche Tauschring regelt in einer Satzung, nach welchen Kriterien Mitglieder aufgenommen und ausgeschlossen werden.

Der einfachst mögliche Tauschring beschränkt sich auf ein abgegrenztes örtliches Einzugsgebiet. Wenn ein Mitglied durch Umzug das Gebiet verlässt, muss es austreten.

Die Satzung sollte auch festlegen, unter welchen Umständen der Tauschring aufgelöst wird und wie genau dabei verfahren werden soll.

Die Tauschregeln legen fest, wie die Geschäfte zwischen den Mitgliedern abgewickelt werden. Wie sehen die einfachst möglichen Tauschregeln aus?

Leistungsverrechnung

Ein Tauschring ist ein System zur Leistungsverrechnung zwischen seinen Mitgliedern. Er führt Buch, welche Leistungen jedes Mitglied für andere Mitglieder erbracht hat und welches es von anderen erhalten hat. Er führt Buch, welchen Kredit ein Mitglied von den anderen erhalten hat.

Persönliche Leistungsbilanz

Grafische Darstellung der persönlichen Leistungsbilanz.
Der allereinfachste Tauschring würde also für jedes Mitglied eine Liste führen. Zum Beispiel: "Anna hat für Bernd 90 Minuten einen Kuchen gebacken", "Clara hat Anna 2 Stunden beim Fenster putzen geholfen", "Anna hat Detlef 1 Stunde beim Einkaufen begleitet". Diese Liste enthält die persönliche Leistungsbilanz von Anna. Auf der einen Seite steht, was sie geleistet hat, auf der anderen was sie verbraucht hat. Solange beide Seiten ausgewogen sind, ist sie gegenüber den anderen Mitgliedern quitt.

Nur wie stellt man fest, ob die Leistungsbilanz ausgeglichen ist? Im deutschsprachigen Raum hat sich das Prinzip des Zeittauschs durchgesetzt und bewährt. Als Maßstab wird die Arbeitszeit verwendet. Ein Stunde Kuchen backen ist so viel wert wie eine Stunde Fenster putzen ist so viel wert wie eine Stunde einkaufen.

Durch den für alle Mitglieder verbindlichen Wertmaßstab Arbeitszeit, kann der Wert jeder Leistung gemessen werden. Wenn die Summe der Werte der erhaltenen Leistungen gleich der Summe der Werte der erbrachten Leistungen ist, ist die Bilanz ausgegelichen.

Das Mitgliedskonto

Der einfachst mögliche Tauschring führt für jedes Tauschringmitglied ein Konto. Wenn das Tauschringmitglied beitritt, wird das Konto mit dem Kontostand Null eröffnet. Wenn es austritt, muss das Konto wieder Null sein. Der Kontostand errechnet sich aus der Summe der erbrachten Leistungen abzüglich der Summe der erhaltenen Leistungen.

Da jedes Geschäft immer zwei Seiten hat, den Leistungsgeber und den Leistungsempfänger, und da die Geschäfte in einem geschlossenen System verrechnet werden und da neue Konten immer mit Null eröffnet werden, ist die Summe aller Konten immer null.

Nicht vereinbar mit dem Prinzip der Leistungsverrechnung sind "Startguthaben", "Grundeinkommen" und andere Gutschriften auf dem Konto, denen keine reale Leistung entspricht.

Der einfachst mögliche Tauschring verzichtet auf Gemeinschaftskonten jeder Art.

Tauschen statt Schenken

Das bisher beschriebene System ist noch kein Tauschring! Bisher könnte ein Mitglied einfach beitreten, zahllose Leistungen verbrauchen und bis zum Lebensende Mitglied bleiben. Das Phänomen ist in der Praxis tatsächlich zu beobachten. Dieses Verhalten widerspricht nicht den Regeln, aber dem Geist des Tauschens. Beim Tauschen sollte das Verhältnis von Geben und Nehmen immer ausgeglichen sein!

Egal wie viel oder wenig jemand tauscht, sollte sich der Kontostand immer um Null herum bewegen. Je größer die Abweichungen des Kontostands von Null sind, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand eines Tages den Ausgleich wieder herstellt. Wenn der Ausgleich nicht mehr absehbar ist, müssen sich die überwiegend Leistenden an den Gedanken gewöhnen, dass sie den überwiegend Verbrauchenden ihre Leistung geschenkt haben.[2]

Limits setzen

Der Unterschied zwischen Schenken und Tauschen ist also der Umgang mit unausgeglichenen Leistungsbilanzen!

Dieser Unterschied dürfte das am häufigsten übersehene Wesensmerkmal eines Tauschrings sein. Beim Schenken ist es völlig normal, dass die einen nur geben und die anderen nur nehmen. Beim Tauschen muss jeder so viel geben wie nehmen.

In der Praxis haben sich als einfachste Methode harte Limits bewährt. Der Kontostand darf sich nur innerhalb bestimmter Grenzen bewegen. Leistungen werden nur bis zu dem Limit gebucht.

Wer mehr leisten will, als er verbuchen kann, muss seine Leistung verschenken. Wer mehr verbrauchen will, als er verbuchen kann, muss sich die Leistung schenken lassen. Besser ist es natürlich, das Konto von sich aus immer so auszugleichen, dass zu beiden Limits genug Luft ist. Beim idealen Tauscher bewegt sich der Kontostand immer um die Null-Linie herum, weil er immer etwa gleichviel leistet wie verbraucht.

Über die Höhe der Limits wird in vielen Tauschringen heftig diskutiert. Ein Modell ist, neuen Mitgliedern erst ein geringes Verbrauchslimit von 0 bis 2 Stunden zu gewähren. Erst wenn sie selbst Leistungen erbracht haben, wird ihr Limit auf den tauschringweiten Standard erweitert. Üblich ist es auch, in begründeten Einzelfällen die Limits zu erweitern.

Eine andere, einfachere Sichtweise versteht Limits nicht als Steuerinstrument, sondern als Spielfeldbegrenzungen. Die Limits werden so großzügig gesetzt, dass sie von den meisten Mitgliedern nie erreicht werden.

Nicht vereinbar mit dem Prinzip der ausgewogenen Leistungsbilanz sind also langfristiges "Sparen" oder langlaufende "Kredite" auf Mitgliederkonten.

Optional: Limit auf einzelne Buchungen

Wenn die Kontolimits nur die äußeren Grenzen des Spielfelds markieren, fehlt noch ein einfacher Schutzmechanimus, der im alltäglichen Tauschgeschäft eine Orientierung gibt, was eine sinnvolle Größenordnung für Nachbarschaftshilfe ist. Der einfachst mögliche Tauschring setzt dafür ein Limit auf die einzelnen Buchungen!

Ein sinnvolles Limit dürfte bei etwa zwei bis vier Arbeitsstunden liegen. Bis zu dieser Grenze hilft man "mal kurz" dem Nachbarn. Was darüber hinaus geht, dürfte in Konkurrenz mit gewerblichen Angeboten geraten.

Natürlich kann auch hier jemand eine Webseite gestalten, ein Kleid nähen oder die Wohnung renovieren lassen. Aber wenn für einen Auftrag gleich mehrere Buchungen zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer nötig sind, werden beide zumindest daran erinnert, dass sie möglicherweise den Rahmen nachbarschaftlicher Gefälligkeiten verlassen.

Haftung für offenen Kredit bei Austritt

Erfahrungsgemäß nutzt ein gewisser Anteil von Mitgliedern die Freiheiten des Systems zu Lasten der anderen aus. Sie treten dem Tauschring bei, nehmen so viele Leistungen wie möglich mit und verschwinden dann spurlos. Aber wer haftet dann für die offenen Verbindlichkeiten?

Umlage auf alle

Der rechnerisch einfachste Lösung für den Umgang mit unausgeglichenen Konten von ausgetretenen Mitgliedern ist die Umlage auf alle. Umlagen von offenen Verbindlichkeiten sind mit dem Prinzip der persönlichen Leistungsbilanz gut vereinbar. Sie verdeutlichen, wem gegenüber die Leistungsbilanz ermittelt wird: den anderen Mitgliedern. Nur wenn die persönliche Leistungsbilanz ausgewogen ist, ist man gegenüber allen anderen Mitgliedern quitt.

Umlagen sollten aber nur das letzte Mittel sein, da sie Schulden sozialisieren. Es ist mehr im Interesse des Tauschrings und einer guten Nachbarschaft, wenn die austrittswilligen Mitglieder ihre Konten selbst wieder ausgleichen. Mögliche Maßnahmen der Tauschringverwaltung:

  • Sozialer und moralischer Druck, aber auch freundliche Worte, können motivieren, sich doch um den Ausgleich zu kümmern.
  • Die Verrechnung erhaltenener Leistungen stornieren, soweit die Leistungsgeber dazu bereit sind.
  • Vermittlung von Tauschpartnern oder Spendern.

Die Erfahrung zeigt, dass die meisten Mitglieder guten Willens sind. Ein paar Schmarotzer gibt es zwar immer, aber der Schaden lässt sich mit harten Verbrauchslimits begrenzen und ein Gefühl für sinnvolle Größenordnungen mit Buchungslimits schulen.

Rückabwicklung einzelner Geschäfte

Anstatt Schulden zu sozialisieren und der Verwaltung Arbeit aufzuhalsen, werden im einfachst möglichen Tauschring die einzelnen Mitglieder in die Verantwortung genommen.

Wenn ein Mitglied austritt oder ausgeschlossen wird, das mehr Leistungen erhalten als erbracht hat, werden einfach so viele Buchungen rückwirkend storniert, bis das Konto ausgeglichen ist.

Die Leidtragenden sind natürlich die Leistungsgeber. Sie haben dem Ausgetretenen eine Gefälligkeit erbracht, können dafür aber keine Gegenleistung einfordern, weil die entsprechende Buchung storniert wurde. Nach dem Grundsatz "den letzten beißen die Hunde" werden die Buchungen in chronologisch rückwärtiger Reihenfolge storniert. Wer zuletzt was geleistet hat, wird zuerst aus dem Buch gestrichen.

Diese Regel hat eine wichtige Nebenwirkung. Sie erinnert die Leistungsgeber daran, dass sie eben nicht in einer Tauschwährung "bezahlt" werden, für die die Gemeinschaft einsteht, sondern dass es hier um freiwillige persönliche Gefälligkeiten geht. Wer einem überwiegend nehmenden Mitglied noch weitere Leistungen geben will, muss damit rechnen, dass er selbst dafür keine Gegenleistung erhält, sondern sie als Geschenk abschreiben muss. Wer das Risiko eingeht, muss das Risiko auch tragen.

Dieses Verfahren hat den großen Vorteil, dass die Gemeinschaft nicht für Gier und Gedankenlosigkeit Einzelner haften muss. Es berücksichtigt die Erfahrung vieler Tauschringe, dass sich die Mitglieder nicht als Teil einer Gemeinschaft begreifen. Er erinnert die Mitglieder daran, sich vor dem Tausch Gedanken zur Vertrauenswürdigkeit und Zuverlässigkeit ihres Tauschpartners zu machen. Es kommt mit sehr wenig Verwaltungsaufwand aus. Es ist für alle Beteiligten verständlich.

Umlage der nicht rückabwickelbaren Geschäfte

Ganz ohne Umlage wird es vermutlich doch nicht gehen. Geschäfte mit bereits ausgetretenen Mitgliedern können nicht mehr rückabgewickelt werden. Mit dem Austritt soll ein Mitglied nicht nur auf seine Rechte verzichten müssen, sondern auch von seinen Pflichten entbunden werden. Das gibt wiederum auch den im Tauschring verbleibenden Mitgliedern Sicherheit. Soabald ein Mitglied ausgetreten ist, kann auch an seinen Buchungen nichts mehr geändert werden.

Wenn bei einem austretenden oder auzuschließenden Mitglied nicht ausreichend Geschäfte rückabgewickelt werden können, um das Konto auszugleichen und auch alle Tauschanreize nicht greifen, muss der Rest auf alle umgelegt werden. Der Tauschring ist eine ökonomische Solidargemeinschaft.

Vertrag zwischen den Mitgliedern

Die Erfahrung zeigt, dass vielen Mitgliedern nicht bewusst ist, welche Folgen Austritte ohne Leistungsausgleich für den Tauschring haben. Deswegen braucht der einfachst mögliche Tauschring eine klare und verständliche Satzung, in der mögliche Folgen genau beschrieben werden. In der Satzung muss stehen, welche Sanktionen ein Schmarotzer zu fürchten hat, wer die Hinterlassenschaften Einzelner auffängt, und ab welchem Punkt die Existenz des Tauschrings an sich gefährdet ist.

Die Erfahrung zeigt auch, dass vielen Mitgliedern nicht bewusst ist, dass sie beim Eintritt in einen Tauschring einen Vertrag mit den anderen Mitgliedern eingehen. Vermutlich liegt das daran, dass die meisten Tauschringsatzungen vergessen, die Rechte und Pflichten genau auszuführen, auf die sich ein neues Mitglied einlässt.

Ob ein Tauschring Umlagen oder Rückabwicklungen als Verfahren bei Austritten hat, müssen die Mitglieder schon beim Eintritt wissen. Beim Umlageverfahren sind alle Mitglieder von Austritten betroffen. Bei Rückabwicklungen nur die Mitglieder, die mit dem Austretenden getauscht hatten.

Das Rückabwicklungsverfahren ist einfach umzusetzen. Ein Tauscher, der überwiegend geleistet hat, verzichtet beim Austritt auf seinen Anspruch auf Gegenleistungen. Wer von ihm Leistungen empfangen hat, kann sich über ein Geschenk freuen. Die anderen Mitglieder sind nicht betroffen. Ein Tauscher, der überwiegend genommen hat, steht zwar in der Pflicht gegenüber den Leistungsgebern. Aber wenn der Vertrag zwischen den Mitgliedern klar regelt, dass diese Pflichten erlöschen, wenn das Mitglied austritt oder ausgeschlossen wird, sind die Leistungsgeber zumindestens gewarnt.

Juristische Bewertung

Offen ist aber, welche juristischen Folgen diese Regelung hat. Im Gegensatz zu Tauschringen mit Umlageverfahren, Mitgliedsbeiträge oder Gemeinschaftskonten (siehe unten) entspricht bei dieser Regelung jede einzelne Buchung einem freiwillig und einvernehmlich eingegangenem Geschäft. Damit könnte es sich für geprellte Mitglieder sogar lohnen, den Rechtsweg zu beschreiten.[3]

Konten offen lassen

Der einfachst mögliche Tauschring lässt verbleibende Schulden und Guthaben von ausgetretenen Mitgliedern auf den Konten stehen.

Eine Umlage von Schulden auf alle widerspricht dem Prinzip der individuellen Verantwortung für die Konten. Eine Rückabwicklung einzelner Tauschgeschäfte ist wünschenswert, aber nicht immer möglich. Wenn trotz aller Vermittlungsbemühungen der Orga Schulden übrig bleiben, bleiben sie einfach übrig.

Der einfachst mögliche Tauschring nutzt aber sämtliche legalen und mit den Gemeinschaftsinteressen vereinbaren Möglichkeiten, um auf verschuldete Austrittswillige sozialen Druck auszuüben, damit sie ihren freiwillig eingegangenen Verpflichtungen auch nachkommen.

Markt und Kommunikation

Für den einfachst möglichen Tauschring ist es unerheblich, wie die Tauschpartner einander finden. Was zum jeweiligen Tauschring passt, richtet sich nach seiner Größe, Lage, Zusammensetzung, ....

Ich bezweifle, dass sich der Aufwand für mittelbare Methoden wie gedruckte Anzeigenblätter oder elektronische Verzeichnisse lohnt.

Grundlage des Tauschrings sind vertrauensvolle Beziehungen. Sie lassen sich unmittelbar stärken, etwa durch persönliche Gespräche, Tauschcafés, Mailinglisten, Vermittlung durch die Orga, ...

Mitgliederliste

Das wichtigste Kommunikationshilfsmittel für die Mitglieder müsste eine gut gestaltete Mitgliederliste sein. Sie sollte enthalten:

  • Den Namen des Mitglieds. Je nach kulturellem Selbstverständnis des Tauschrings kann das der volle Name sein oder nur der Vorname.
  • Die Mitgliedsnummer als eindeutige Identifikation für Buchungen
  • Der Wohnort oder Kiez. Hier sind lokal übliche Bezeichnungen für fußläufige Gebiete hilfreich. Die volle Postadresse kann aber muss nict sein. Wichtig ist hier, dass jedes Mitglied abschätzen kann, ob eine andere Person "in der Nähe" wohnt. Eine kluge Wahl der Gebietsgrenzen und -bezeichnungen stärkt die Identifikation mit dem Ort.
  • Telefonnummer. Für die kurzfristige Nachbarschaftshilfe ist der Anruf immer noch die einfachste, schnellst und persönlichste Form der Kontaktaufnahme.
  • Interessensgebiete. Zu welchen Themenbereichen möchte ein Mitglied angesprochen werden? Das kann von philosophisch-kulturellen Interessen (wie Religion oder Kunst) über Freizeitinteressen (wie Sport) bis zu handfesten praktischen Bedürfnissen Interessen (Haustierhaltung, Blumenpflege) reichen. Wenn zum Beispiel ein Hunde- oder Katzenhalter Fragen zu einem Haustier hat, wären andere Hunde- oder Katzenhalter naheliegende Ansprechpartner.

(? LSE Soziales Kapital stärken ?)

Abgrenzung zu anderen Tauschring-Modellen

Der einfachst mögliche Tauschring soll die wichtigsten Konstruktionsfehler der üblichen Tauschringmodelle beheben.

Keine Gemeinschaftskonten

In vielen Tauschringen gibt es Verwaltungskonten, Systemkonten, Austrittskonten, Außenkonten und andere gemeinschaftliche Konten. Sie sind intuitiv schwer zu erfassen, weil sie die Leistungsbilanz zwischen der abstrakten "Gemeinschaft" und ihren konkreten Mitgliedern repräsentieren. Der einfachst mögliche Tauschring verzichtet auf Gemeinschaftskonten!

Der Verzicht auf Gemeinschaftskonten dürfte die größte Vereinfachung gegenüber den üblichen Tauschringen sein. Es entfällt die maßlose Schuldenmacherei zu Lasten der Gemeinschaft, die das intuitive Verständnis von Tauschringen sprengt. Es entfallen Mitgliedsbeiträge zur Vergütung der Verwaltung, die in der Praxis zahllose Konflikte zwischen Mitgliedern und Verwaltung verursachen.

Der Gewinn ist vor allem ein bessere Verständlichkeit des Tauschringprinzips. Hinter jedem Konto und jeder Kontobewegung steht genau zwei Personen: der Leistungsgeber und der Leistungsempfänger. Jede einzelne Buchung ist verständlich. Es können nur Aktivitäten gebucht werden, die mit dem intuitiven Verständnis von Tauschringen vereinbar sind.

Die Leistungen sind wertvoll, nicht das "Guthaben"

Wieso denken so viele Tauschringmitglieder in Geldbegriffen, wenn sie doch eigentlich "ohne Geld" tauschen wollen?

Tauschwährung als Zahlungsmittel

Die meisten Tauschringe verbuchen Tauschgeschäfte wie einen Kauf:

  • Mitglied A gibt Mitglied B ein Glas Marmelade.
  • Mitglied B "überweist" Mitglied A einen Betrag.

Wer nur für andere arbeitet, hat einen positiven Kontostand ("Guthaben"). Wer nur Waren und Dienstleistungen erhält, hat einen negativen Kontostand ("Schulden", "Kredit"). Für Tauschringe, die ihre "Tauschwährung" als "Tauschmittel" oder gar "Zahlungsmittel" begreifen, ist diese Rechnungsweise sinnvoll.

Sie hat aber eine oft übersehene Nebenwirkung: die Tauschwährung erscheint wertvoll! Und damit ist sie letztlich nichts anderes als eine andere Form von Geld.

Wenn sich ein Tauschring die Mühe macht, den Wert dieses Geldes zu sichern, etwa durch eine kluge Politik der Geldschöpfung, durch Konvertierbakeit in das gesetzliche Währungsmittel oder durch konsequentes Durchsetzen des Leistungsversprechens. In der Praxis gehen die meisten Tauschringe aber eher gedankenlos mit ihrer Währung um.

Die zweite oft übersehene Nebenwirkung zeigt sich bei Tauschringen, die eigentlich "ohne Geld" tauschen wollen. Wenn sie diese Rechnungsweise übernehmen, haben sie ungewollt doch ein Geld geschaffen. Denn die Erfahrung zeigt, dass eine Verrechnungseinheit, die sich wie eine Tauchwährung verhält auch wie eine Tauschwährung benutzt wird.

Umgekehrtes Vorzeichen für Leistungsverrechnung

Der einfachst mögliche Tauschring ist aber ausdrücklich keine Währung, sondern nur ein System zur Verrechnung von getauschten Dienstleistungen und Gütern. Hier bilden Buchungen die Leistungsflüsse ab.

  • Mitglied A gibt Mitglied B ein Glas Marmelade.
  • Mitglied A hat weniger Marmelade als vorher, also wird der Kontostand gesenkt. (Verlust von Waren, Zeit, Energie.)
  • Mitglied B hat mehr Marmelade als vorher, also wird der Kontostand erhöht. (Gewinn an Waren, Dienstleistungen und anderen geldwerten Leistungen.)

Reich ist, wer eine volle Speisekammer, geputzte Fenster und eine aufgeräumte Wohnung hat. :-) Eine ähnliche Sichtweise findet sich auch in einem Text von Dr. Regine Deschle[4] (Wi daun wat) wieder.

Zwei Konten statt Vorzeichen

Noch geeigneter wäre für den einfachst möglichen Tauschring ein Zwei-Konten-System. Jedes Mitglied hat zwei Konten. Eines für Verbrauch, eines für Leistung. Die beiden Konten entsprechen den beiden Waagschalen der Leistungsbilanz. Es gibt keine negativen Kontostände und keine negativen Buchungen. Wenn ein Mitglied gleich viel geleistet wie verbraucht hat, sind die Kontostände gleich hoch und die beiden Waagschalen im Gleichgewicht. Wenn ein Mitglied mehr leistet als verbraucht, neigt sich die Waage zur einen Seite, wenn ein Mitglied mehr verbraucht als leistet, neigt sie sich zur anderen Seite. Keine der beiden Seiten ist positiv oder negativ.

Durch diese Definition wird hoffentlich deutlich, dass es keine "Überweisung" eines Zahlungsmittels gibt, das von einm Konto abgezogen und einem anderen gutgeschrieben wird.

Stattdessen wird jedes Tauschgeschäft durch zwei positive Kontoveränderungen verbucht. Der Leistungsgeber hat einen Wert geschaffen oder etwas Wertvolles gegeben, der Leistungsgeber hat etwas Wertvolles erhalten.

Kennzahlen Saldo und Umsatz

Schon Michael Linton erkannte, dass sich die Tauschaktivität und Tauschbilanz eines Mitglieds mit nur zwei Kennzahlen gut beschreiben lässt.[5] Er geht aber davon aus, dass diese Kennzahlen das Kontosaldo und der Tauschumsatz seien. In der Praxis hat sich das nicht bewährt.

Erstens fehlt es den meisten Tauschringen an einer zuverlässigen Buchhaltung bzw. den technischen Werkzeugen, um diese Zahlen zu ermitteln.

Zweitens sagt der Kontostand bei vielen Tauschringen nur wenig über die tatsächliche Tauschbilanz aus, weil die Zahl durch Startguthaben, Mitgliedsbeiträge, Umlaufsicherungsgebühren, Spenden, Umlagen u.ä. zu stark beeinflusst wird.

Drittens geht der Umsatz von einem Geldbegriff aus, der beide Seiten eines Tauschgeschäfts getrennt betrachtet. Wer 3 Stunden arbeitet und dann 3 Stunden Arbeit konsumiert hat 6 Stunden umgesetzt. Er habe ja schließlich 3 "Stunden" erhalten (für die Arbeit) und 3 "Stunden" gezahlt (für die erhaltene Dienstleistung). So wird der Umsatz zumindest in der normalen Betriebswirtschaft berechnet, die von einem Zahlungsmittel ausgeht.

Beim Tauschring geht's aber um einen Tausch. Wenn Anna 3 Stunden ihrer Arbeitszeit gegen 3 Stunden von Bernds Arbeitszeit tauscht, wurden nur 3 Stunden getauscht.

Kennzahlen Tausch, Konsum, Vorleistung

Beim einfachst möglichen Tauschring gibt es auch zwei Kennzahlen. Sie sollen aber die Leistungsflüsse abbilden. Die "getauschten Stunden" geben an, wieviele Arbeitsstunden das Mitglieds durch Geben und Nehmen ausgegelichen sind.

Die zweite Zahl gibt an, wie sehr sich die Leistungsbilanz zur einen oder anderen Seite neigt. Mathematisch ist das letztlich nichts anderes als das Kontosaldo. Aber um das Problem der negativen Zahlen zu umgehen, werden den beiden Neigungsrichtungen unterschiedliche Namen gegeben "einseitiger Konsum" bzw. "einseitige Vorleistung".

Beispiel: Karl hat 3 Stunden getauscht, wenn er 3 Arbeitsstunden geleistet und ebenfalls 3 Arbeitsstunden von anderen Mitglieder verbraucht hat. Wenn Karl 4 Stunden gearbeitet und nur 3 Stunden konsumiert hätte, hätte ebenfalls nur 3 Stunden getauscht. Die zusätzliche 1 Stunde wäre er einseitig in Vorleistung gegangen. Wenn Karl 3 Stunden gearbeitet und 4 Stunden konsumiert hätte, hätte er ebenfalls nur 3 Stunden getauscht. Die zusätzliche 1 Stunde hätte er einseitig konsumiert.

Unterschied von einseitigem Konsum und einseitiger Vorleistung

Die begriffliche Unterscheidung in Konsum und Vorleistung ist auch inhaltlich sinnvoll. Das beim Eintritt gegebene Leistungsversprechen bedeutet, dass ein Mitglied einseitigen Konsum durch Gegenleistungen ausgleichen muss.

Umgekehrt gilt das beim einfachst möglichen Tauschring nicht. Wer einseitig in Vorleistung geht, hat keinen Anspruch auf Gegenleistung. Wenn die anderen Mitglieder für dieses Mitglied nicht arbeiten können oder wollen, dann muss es notgedrungen auf Gegenleistungen für die Vorleistung verzichten.

Ein praktischer Grund ist die fehlende vertragliche Grundlage. Vielleicht ist es sogar möglich, eine Tauschringsatzung juristisch so wasserdicht zu konstruieren, dass ein Mitglied von anderen Mitgliedern Gegenleistungen vor Gericht einklagen kann. Im Einzelfall dürften vielleicht auch die beidseitig unterschriebenen Leistungsbelege für eine Klage ausreichen (vgl. BGB §480). Aber es geht hier um Gefälligkeiten im Rahmen der Nachbarschaftshilfe zwischen Privatpersonen, wo dieser Aufwand kaum verhältnismäßig wäre.

Der andere praktische Grund ist der amateurhafte Charakter der meisten Nachbarschaftstauschringe. Hier schließen sich Privatleute zusammen, um sich gegenseitig Gefallen zu tun. Kaum einer wird so professionell konstruiert oder geführt sein, dass sich die einzelnen Mitglieder wirklich auf den rechtlichen Rahmen und die Buchhaltung verlassen können. Außerdem ist kaum zu planen, welche Fähigkeiten und Interessen die anderen Mitglieder mitbringen. Nur weil jemand eines Tages seine Wohnung renovieren möchte, heißt das noch lange nicht, dass der Tauschring am gewünschten Tag genug ausreichend qualifiziert und arbeitsfähige Mitglieder hat. Und selbst wenn, gibt es keinerlei Grund, warum sie genau an diesem Tag genau diesem einen Mitglied helfen sollten. Nachbarschaftshilfe ist eine Form der ökonomischen Selbsthilfe, die Freiwilligkeit voraussetzt.

Dieser Unterschied zwischen einseitig Konsumierenden und Leistenden besteht in jedem Tauschring, egal ob er in Geld- oder Leistungsbegriffen verrechnet. Die große Gefahr beim Gelddenken ist aber, dass ein positives Saldo als "Guthaben" und damit als wertvoll verstanden wird. Manche Gelddenker reagieren auf diese Vorstellung mit Geiz. Sie wollen durch ihre Arbeit "Geld verdienen" und fürchten nichts mehr, als auf "Guthaben verzichten" zu müssen.

Wer sich aber bewusst macht, dass er eine einseitige Vorleistung erbringt, kann hoffentlich auch eher akzeptieren, dass er manchem Nachbarn einfach mal so einen Gefallen getan hat - ohne etwas dafür zurück zu bekommen.

Leistungsbeleg mit zwei Unterschriften

Tauschen beruht auf Gegenseitigkeit. Ein Tausch kommt nur zustande, wenn es beide Tauschpartner wollen (Freiwilligkeit). Viele Tauschringe übersehen, dass sich die Tauschpartner nicht nur bei der Anbahnung des Tauschs, sondern auch bei der Abrechnung einig sein sollten.

Damit im einfachst möglichen Tauschring eine Buchung in die Buchhaltung eingetragen wird, müssen beide Tauschpartner ihre Zustimmung geben:

  • der Leistungsnehmer bestätigt dem Leistungsgeber, dass er eine Leistung erhalten hat.
  • der Leistungsgeber bestätigt dem Leistungsempfänger, dass er mit dessen Bewertung der Leistung (in Verrechnungseinheiten) einverstanden ist.
  • beide bestätigen einander, dass sie mit der Beschreibung der Leistung im Buchungstext einverstanden sind.
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Beispiel für eine Leistungsbeleg.
Am anschaulichsten geht das mit einem Leistungsbeleg in Papierform. Beide füllen ihn gemeinsam aus, beide unterschreiben ihn und geben ihn dann der zentralen Buchhungsstelle, wo er ins Buch eingetragen wird.

In Kombination mit dem Limit für einzelne Buchungen, dürften durch dieses Verfahren viele bei anderen Tauschringen auftretende Schwierigkeiten mit der Abrechnung vermieden werden.

  • Der Leistungsgeber hat ein Interesse, dass seine Leistung angemessen bewertet wird. Wer 6 Stunden arbeitet, will auch eine Quittung über 6 Stunden. Wenn aber schon nach 1 Stunde absehbar ist, dass der Leistungsempfänger den Erhalt der Leistung nicht quittieren wird, ist es sinnvoller, die Arbeit einzustellen oder die Ware wieder zurückzunehmen.
  • Der Leistungsnehmer hat einerseits das Interesse, die Bewertung niedrig zu halten, weil er im Sinne des Tauschgedankens bei anderer Gelegenheit selbst wieder eine gleichwertige Leistung erbringen muss. Andererseits muss er einen ausreichend hohen Wert quittieren, wenn der Leistungsgeber weitere Leistungen erbringen soll.
  • Die Unterschrift beider hilft vor allem bei Konflikten. Wenn es während der Leistungserbringung zu Konflikten kommt, hilft die Notwendigkeit der gemeinsamen Unterschrift hoffentlich, diesen Konflikt zu begrenzen und zeitnah zu lösen. Wenn es nach Monaten oder Jahren im größeren Kreis zu Konflikten über die Höhe von offenen Verbindlichkeiten einzelner Mitglieder kommt, kann sich keiner der beiden Tauschpartner herausreden. Sie haben beide schriftlich bestätigt, dass die so beschriebene Leistung in dieser Höhe verrechnet wird. (Evtl. wäre noch ein Einspruchsfrist nach der Buchung sinnvoll.)

Die Eleganz des einfachst möglichen Tauschrings besteht darin, dass er ohne "Rechnungen" und "Bezahlungen" auskommt. Es reicht zur Leistungsverrechnung völlig aus, dass die einvernehmlich erstellten und unterschriebenen Leistungsbelege in die Bücher eingetragen werden.

Zusammenfassung

Der einfachst mögliche Tauschring beschränkt sich auf die Leistungsverrechnung innerhalb einer geschlossenen Gruppe. Er beschränkt sich auf die Vermittlung und Verrechnung von kleinen Gefälligkeiten im Rahmen der organisierten Nachbarschaftshilfe. Er verzichtet auf Gemeinschaftskonten und entlastet so Verwaltung von allen Aufgaben, die nur mit Hilfe von Gemeinschaftskonten möglich sind. Er beschränkt sich auf die Aufgaben, die dem intuitiven Verständnis von "Tausch" in einem Tauschring entsprechen.

Damit löst er die beiden Kernprobleme üblicher Tauschringe. Die Verwaltung wird einfacher, weil es nur wenig zu verwalten gibt. Die Regeln sind so einfach, dass es kaum Ausnahmen und Sonderfälle gibt. Und selbst für diese gibt es einfache Handlungsrichtlinien und eindeutige Verantwortlichkeiten.

Da die Tauschregeln dem intuitiven Verständnis von Tausch entsprechen, verstehen die Mitglieder besser, welche Vereinbarungen sie eingehen, und fühlen sich deswegen auch eher an diese gebunden.

Der Preis der Einfachheit ist der Verzicht auf manche liebgewonnenen Gewohnheiten. Die Verwaltung kann nicht einfach Gebühren einziehen, um sich selbst zu bezahlen. Die Verrechnung von Tauschgeschäften mit Mitgliedern anderer Tauschringe über Außenkonten und Clearingstellen entfällt; damit aber auch der bürokratische Aufwand für die Verwaltung. Offene Verbindlichkeiten austrittswilliger Mitglieder kann die Verwaltung nicht mehr ignorieren oder auf ein Austrittskonto abwälzen. Man kann nicht mehr für die nächste Renovierung sparen, die sowieso nie kommt, weil auch Leistungslimits durchgesetzt werden müssen. Das heißt, die Verwaltung des einfachst mögliche Tauschring muss zu manchen Wünschen der Mitglieder konsequent Nein sagen.

Der Lohn der Einfachheit sind Einfachheit und Nachhaltigkeit. Die Regeln sind so überschaubar, dass sie leicht zu lernen und durchzusetzen sind. Ein so organisierter Tauschring kann über Jahrzehnte erfolgreich betrieben werden.

Ausblick: Schenken statt Tauschen?

Der einfachst mögliche Tauschring dürfte schon der einfachst mögliche Tauschring sein. Aber geht es noch einfacher?

Tauschringe eignen sich nicht für Nachbarschaftshilfe

Ich meine, dass Tauschringe für alltägliche Gefälligkeiten im Rahmen der Nachbarschaftshilfe grundsätzlich ungeeignet sind, egal wie einfach sie organisiert werden.

Tauschen ist gegenseitiges Geben und Nehmen. In der Nachbarschaftshilfe können und wollen die einen überwiegend helfend tätig sein. Andere sind dagegen auf mehr Hilfe angewiesen, als sie je durch Gegenleistungen ausgleichen könnten. Wie könnte ein tauschringartiges System aussehen, wo auch einvernehmliches einseitiges Geben und Nehmen willkommen sind?

Tausch ohne Ausgleichspflicht

Ich vemute, dass der einfachst mögliche Tauschring ohne Spielfeldbegrenzungen, ohne die Pflicht zum Kontoausgleich und ohne die resultierenden Rückabwicklungs- und Umlageverfahren für Nachbarschaftshilfe sehr gut geeignet sein müsste. Er wäre dann aber kein Tauschring mehr, sondern eine Form der ökonomischen Selbstshilfe in einer Gemeinschaft, die zwar Leistungen verrechnet, aber über das Tauschen hinausgeht. Sie enthält Elemente von Wohlfahrt und Schenken.

Wie könnte dieses Modell heißen? Schenkring? Unverbindlicher Tauschring? Ehrenamtlicher Tauschring?

Zeitbörse? Föhrer Zeitbörse (nicht: Zeitbörse Königsbrunn, Zeitbörse Benevol St.Gallen, Zeitbörse Feldkirchen, Zeitbörse Kassel, Zeitbörse Baunatal, Zeitbörse Reutlingen)

Gabenbuch

Eine noch einfachere Methode wäre, auf einen einheitlichen Wertmaßstab zu verzichten. Statt Tausch gäbe es nur Gaben[6]. Die Tauschpartner können die Gaben inhaltlich und wertmäßig so beschrieben wie sie wollen. ("Blumen gießen", "5 kg selbstgemachte Marmelade", "Drei Stunden Fußboden schrubben", "Gebrauchtes Fahrrad im Wert von 100 Euro"). Es gibt aber keine einheitliche Zahl (Währung, Verrechnungseinheit), die den Wert unterschiedlicher Leistungen vergleichbar machen würde.

Wenn eine Gabe im Gabenbuch eingetragen werden soll, halte ich es aber für wichtig, dass es einen schriftlichen Beleg gibt, den beide gemeinsam unterschreiben. Mit der Unterschrift bestätigen beide, dass sie beide mit der Beschreibung einig sind, egal ob da Stundenzahlen, Eurobeträge oder humoriger Nonsens steht. :-)

Anmerkungen

  1. vgl. Kleine Anfrage im Bundestag 1997
  2. vgl. Benutzer:Harr/Tauschen oder Schenken?
  3. Kennt jemand die Rechtslage genau? Was sagt die Literatur? Gibt es Präzedenzfälle?
  4. Regine Deschle: Tauschring-Konten – alternativ betrachtet, 2001(?) (Download)
  5. vlg. LETS
  6. vgl. http://www.gabenbuch.de