Benutzer: Harr

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Benutzer:Harr war einfaches Mitglied des Kreuzberger Tauschrings und von 2008 bis 2012 zeitweise sehr aktives Mitglied der TauschOase Schöneberg. Harr mag Wikis und freut sich über Kommentare auf der Diskussionsseite. :-)

Warum Tauschringe?

Ich spüre die gleiche eigenartige Faszination für Tauschringe, wie viele andere auch. Es scheint bei Tauschringen um etwas Gutes und Richtiges zu gehen. Sie scheinen eine Lücke in unserer Gesellschafts-, Wohlfahrts- und Wirtschaftsordnung auszufüllen.

Ich persönlich sehe den Sinn von Tauschringen in der erweiterten unentgeltlichen Nachbarschaftshilfe. Ich verstehe Tauschringe genau so, wie sich viele Tauschringe in ihrer Öffentlichkeitsarbeit selbst beschreiben. Menschen aus der näheren Umgebung schließen sich zusammen, um sich gegenseitig bei Alltagsdingen zu helfen. "Tauschen" verstehe ich im ganz alltäglichen Sinne als ein Geben und Nehmen. "Ich kratz' dir deinen Rücken, kratz' du mir meinen." :-)

Eigentlich ganz einfach. Aber zu meiner Überraschung musste ich im Laufe der Jahre erkennen, dass in Tauschringen kaum getauscht wird. Tauschringe scheinen sogar eine besondere Anziehungskraft auf Menschen zu haben, die nicht tauschen wollen. Ich habe noch nie so viele Verkünder kauziger Heilslehren und Geldmodelle auf einem Haufen gesehen, wie in der (deutschsprachigen) Tauschringszene. Sie wollen nicht mit ihren Nachbarn tauschen, sie wollen sie bekehren. Auf der anderen Seite gibt es die Konsumhaltung. Viele wollen nicht mit ihren Nachbarn tauschen, sie wollen "ohne Geld" shoppen.

Dabei bieten Tauschringe große Freiräume. Hier lässt sich im Kleinen vieles ausprobieren. Tauschringe sind Wirtschaftssyteme, deren Regeln von den Mitgliedern selbst gemacht werden. Solange keine starrsinnigen Fanatiker blockieren und keine dickfelligen Trantüten ausbremsen, lässt sich in und mit Tauschringen vieles bewegen.

Mittlerweile habe ich noch einen ganz anderen Sinn von Tauschringen entdeckt. Es lässt sich viel über Geld lernen! Wo kommt Geld her? Welchen Wert hat es? Wie lange behält es seinen Wert? Ich bedauere zwar, dass in der Praxis in Tauschringen nicht getauscht wird. Aber ich finde es faszinierend, wie in Tauschringen mit selbst gemachten Geld bezahlt wird.

Warum Tauschwiki?

Seit über 20 Jahren gibt es jetzt in Deutschland Tauschringe in ihre modernen Form. Es wurde viel ausprobiert. Zigtausende Menschen haben in hunderten Tauschringen Erfahrungen gesammelt. Was lässt sich aus diesen Erfahrungen lernen? Durch die Arbeit im Tauschwiki möchte ich der Antwort auf mehrere Fragen näher kommen:

  • Was wird von Tauschringen erwartet - und was nicht?
  • Was sind Tauschringe - und was nicht?
  • Was können Tauschringe in der Praxis leisten - und was nicht?

Ich meine, dass die Erwartungen an Tauschringe weit auseinander gehen. Mit einem einzigen Tauschringmodell lassen sie sich nicht erfüllen. Zur Zeit erscheinen mir folgende Modelle praxistauglich:

Wenig sinnvoll erscheinen mir:

  • Warentausch in Zeittauschringen. Der Wert von drei Stunden Umzugshilfe lässt sich mit einer Stoppuhr messen. Aber der Wert eines gebrauchten Schranks?
  • Gewerbe in Zeittauschringen. Die Buchhaltung muss (unter anderem aus steuerlichen Gründen) sowieso in Euro gemacht werden. Die Umrechnung von Zeit in Euro macht den gewerblichen Teilnehmern zusätzliche Arbeit und führt (wenn auch nur indirekt) eine Äquivalenz von Zeitwährung und Euro ein. Dann kann man doch gleich mit Euro arbeiten. :-)
  • Clearingstellen für Tauschringe wie RTR oder za:rt, wegen a) mangelnder Zuverlässigkeit der Organisatoren und teilnehmenden Tauschringe und b) fehlender gemeinsamer Qualitätsstandards.
  • Zeitbanken zur Altersvorsorge, wegen a) mangelnder Zuverlässigkeit der Organisatoren und Teilnehmer und b) fehlender Einlagensicherungssysteme.

Das Tauschwiki ist ein optimales Medium, um vorhandenes Wissen zum Thema Tauschringe zusammenzutragen und in Verbindung zu setzen.

Meinungsartikel

Bei der redaktionellen Arbeit im Tauschwiki bemühe ich mich um einen möglichst neutralen Standpunkt, auch wenn viele Artikel diesem Anspruch (noch) nicht genügen. In den folgenden Artikeln möchte ich dagegen ausdrücklich meine Meinung zur Diskussion stellen.

Meinungsartikel
Was ist (k)ein Tauschring? Was können Alternativen besser?
Projektskizzen

Leistungsbilanz statt "Geld"

Grafische Darstellung der persönlichen Leistungsbilanz.
Meiner Meinung nach sollten Kontoauszüge anders dargestellt werden. Nicht als Liste, wo abwechselnd Gut- und Lastschriften erscheinen, sondern zweispaltig wie klassische T-Konten. Auf der einen Seite die erhaltenen Leistungen, auf der anderen die abgegebenen. Zum Bespiel so:
Leistungen Nehmen Leistungen Geben
Marmelade -50 VE Fenster putzern +25 VE
Altes Fahrrad erhalten -40 VE Selbstgebasteltes Buch gegeben +20 VE
Bernds Schulden übernommen -80 VE Meine Schulden an Anna abgegeben +20 VE

Position

Meine Grundhaltung lässt sich gut unter dem Stichwort "Aufklärung" zusammenfassen: "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.'"[1]

Ich halte wenig von Planwirtschaft, Freiwirtschaft und Marktfundamentalismus. Ich halte viel von Sozialer Marktwirtschaft, Buddhist Economics, Peer Economy, Teilen, Schenken, Tauschringen, ökonomischer Selbsthilfe.

Um einige weit verbreitete Missverständnisse in der heutigen Tauschringszene aufzulösen, finde ich folgende Stichworte hilfreich: Tauschhandel, Anarchismus, Frühsozialismus (vor 1848), Community Organizing (ab 1920er), Neue Linke (ab Mitte 1950er), Graswurzelbewegung (ab 1960er), Gemeinwesenarbeit (ab 1960er), Time Banking (ab 1980er), Lokale Agenda 21 (1992), Nebengeld

Vergleich mit anderen Positionen

Dr. Karl Birkhölzer:[3]

Ich sehe den Ansatzpunkt dort, wo immer mehr Menschen aus der Sphäre des Geldes und der funktionierenden Geld- und Finanzwirtschaft ausgeschlossen werden. (…) Wenn diese Menschen zurückkehren wollen in den Bereich der Ökonomie, weil sie ja noch arbeitsfähig sind und weil sie etwas tun wollen, dann sollte für sie die Möglichkeit bestehen, das eben auf nicht-monetärer Weise zu tun."

Sind diese Sphären wirklich so getrennt? Ich meine, dass dieses Schwarz/Weiß-Denken zur Selbstausgrenzung führt und einer Rückkehr "in den Bereich der Ökonomie" eher im Weg steht. Wie schwer sich die vermeintlichen getrennten Sphären tatsächlich abgrenzen lassen, wird bei der Diskussion über "Schwarzarbeit" schnell deutlich.

Helmut Creutz:[4]

Kein Mensch kann vom Tauschgeld alleine leben. Ausweichen auf eine Nebenwährung, ist darum nicht der richtige Weg, um die grundsätzlichen Probleme im Geldbereich zu leben.

Ja. Tauschringe wären völlig überfordert, eine allumfassende - und möglicherweise überlegene - Alternative zum bestehenden Geld-, Wirtschafts- und Sozialsystem zu entwickeln. Sie können allenfalls kleine - aber durchaus sinnvolle - Nischen füllen.

Prof. Dr. Claus Offe:[5]

Die Fähigkeit, sich auch anders als über Geld auszutauschen, sich zu helfen, sich Hilfe zu schenken in der Erwartung, dass man es irgendwann zurückerhalten wird, die Fähigkeit, sich die benötigten Materialien, die benötigten Werkzeuge und die benötigten Techniken zu verschaffen, ist in den oberen Teilen des Arbeitsmarktes (…) viel verbreiteter als irgendwo sonst. Deshalb wäre es ein sinnvoller Versuch, die Vorteile der informellen Hilfe auf die Marginalisierten oder Entmutigten und in diesen sozialen Techniken nicht so geübten Arbeiter oder Nicht-mehr-Arbeiter oder Arbeitslosen zu erweitern.

Ja. Im Zugang zu "informeller Hilfe" sehe ich ebenfalls den tieferen Sinn von Tauschringen. Die endlosen abgehobenen Fachsimpeleien über "Arbeit", "Ökonomie", "Geld" und "Gerechtigkeit" gehen an den alltäglichen Bedürfnissen vieler Mitglieder vorbei. Einige Mitglieder (die sich auch sonst gut durchsetzen können) finden sich im Tauschring gut zurecht. Oder sie widmen sich ganz anderen Aufgaben. Auf die Bedürfnisse der Marginalisierten und Entmutigten gehen die heutigen Tauschringmodelle m.E. noch zu wenig ein. Zu viele fallen über die Schulden-Klippe (sind das alle Schmarotzer oder hat nicht der Tauschring als Ganzes versagt?), zu viele geraten in die einseitige Abhängigkeit von einer autokratischen Führungsfigur.

Stefan Purwin:[6]

Tauschringe bilden eine neue, zusätzliche Arbeitsform und ergänzen die herkömmlichen Antipoden 'bezahlte Erwerbsarbeit' bzw. selbständige Arbeit auf der einen und die herkömmliche ehrenamtliche Arbeit auf der anderen Seite. Sie nehmen dabei einen eigenen Stellenwert ein und sind weder dem einen noch dem anderen zuzuordnen.

Ja. Ich finde diesen Ansatz sehr sinnvoll, bezahlte Erwerbsarbeit, Tausch und ehrenamtliche Arbeit als "Dreieck"[7] zu verstehen. Auf der einen Seite geht's um Existensicherung des Einzelnen und des staatlichen Gemeinwesens, die durch Schwarzarbeit geschädigt würde. Auf der anderen Seite geht's um den Nutzen unentgeltlicher Arbeit für den Einzelnen und das Gemeinwohl. In der Praxis würde kein einziger Tauschring ohne unentgeltliche Arbeit der Aktiven funktionieren, weil manche Aufgaben einfach sehr viel mehr Arbeit erfordern, als je angemessen bezahlt werden könnte. Spannend ist die Frage, wo die jeweiligen Grenzen verlaufen und wie die Übergänge gestaltet werden. In der Praxis scheinen sich viele Tauschringmitglieder mit den Begriffen Schwarzarbeit und Ehrenamt schwer zu tun.

Magenheim/Murrell/Price:[8]

Because of limitations on its use, a "dollar" that can be spent only at a particular barter exchange must be worth less than a dollar of cash.

Ja. Der Wert der Tauschwährung ist geringer, als viele wahr haben wollen… Manch einer bleibt auf einem hart erarbeiteten Guthaben sitzen, weil er im Tauschring nichts brauchbares findet, wofür er es ausgeben könnte.

Bericht der Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" (2002):[9]

Ob die formalisierte Anhörung durchsetzungsstarker Verbände das optimale Instrument der Beteiligung der Bürgergesellschaft an politischen Beratungs- und Entscheidungsprozessen ist, lässt sich – auch nach den Erfahrungen der Enquete-Kommission – bezweifeln.

Ja, weil in Verbänden und Interessenvertretungen nur die Funktionäre zu Wort kommen. Die Bundeszentrale für Politische Bildung hat ein "Handbuch Bürgerbeteiligung"[10] herausgebracht, das einige übliche Methoden übersichtlich zusammenstellt, wie die Bürger vor Ort beteiligt werden können.

Offene Baustellen

Nacharbeiten BATT 2012:

  • Zielgruppe TW? orga, alte und neue mitgl, interessierte, gründer, presse
  • Gründen: checkliste adresse des TR bekannt geben in TW, tradr, ...

Sonstige:

Orga-Handbuch

Mitgliedschaft, Gemeinschaft, Zugehörigkeitsgefühl:

  • Eintritte: Tauschregeln als Grundlage der Gemeinschaft anschaulich* und nachhaltig erklären. Die anderen Mitglieder informieren über Name, Datum, Angebote, Interessen des Neuen.
  • Austritte: Die verbleibenden Mitglieder informieren über Name, Austrittsdatum, offene Außenstände bzw. Spenden. Interne Liste führen, damit bei Wiederkehr "weiße" und "schwarze" Schafe entsprechend begrüßt werden können.
  • Religiöse und weltanschauliche Neutralität.

Eigene Handbuchsektion im Tauschwiki?

Stichworte

Webseiten

Personen und Geldkonzepte

Gesellianer(?):

Commons:

Schenkökonomie:

Artikel lesen

Filme gucken

Comics gucken

  • Volker Reiche: Strizz - Politik für Stofftiere 3. in: FAZ, 21. Okt. 2004 (Online)

Offene Fragen

  • Was motiviert Menschen, sich einem Tauschring anzuschließen? "Dinge, die ich mir sonst nicht leisten könnte" "Gelegenheit für ehrenamtliches Engagement" -> Motivation
  • Welcher Anteil von Tauschvorgängen wird nicht abgerechnet? Sollte auch Direkttausch zwischen zwei Mitgliedern in den Büchern erscheinen? Vor-/Nachteile?
  • Sind Tauschringe eher "Dienstleister und Plattform" für Eigenaktivitäten - oder sozialer Rahmen und Unterhaltungsprogramm?
  • Woran erkennt man dass ein Tauschring eingeht? Kein Handel mehr. Kein Wunsch die Tauschwährung zu verdienen und aufzubewahren. Nichterfüllung von Verbindlichkeiten gegenüber den anderen Mitgliedern. -> Kennzahlen
  • Warum zögern manche Mitglieder ins Minus zu gehen? Weil sie niemandem verpflichtet sein wollen. -> Leistungsversprechen
  • Warum halten manche Mitglieder so sehr am Plus fest? Weil sie sich reich fühlen? Weil sie Angst vor Verbindlichkeiten haben?
  • Sollten Dienste für die Gemeinschaft bezahlt werden - oder ehramtlich geleistet?
  • Was ist so schlimm an hohen Pluskonten?
  • Wie oft sollten Gemeinschaftskosten (etwa durch Austritte) auf alle Mitglieder umgelegt werden?
  • Wieviele Tauschvorgänge sollte ein Mitglied im Jahr haben? Was ist schlimm daran, wenn ein Mitglied mal ein Jahr einfach nichts macht?
  • Wie sieht "Der ideale Tauschring" aus? --> IG Zeittausch, Einfachst möglicher Tauschring
  • Wie wichtig ist die lokale Begrenztheit des Einzugsbereichs für die langfristige Existenz eines Tauschrings? These: Wörl, döMak und viele Tauschringe zerbrachen, als sie sich über eine bestimmte räumliche und personelle Grenze hinaus erweiterten. Tauschringe brauchen klar definierte geografische Einzugsgebiete, bei Wegzug aus dem Einzugsgebiet müssen die Mitglieder austretenn. Im gleichen Gebiet können auch mehrere Tauschringe parallel exisitieren, die sich über unterschiedliche Organisationszugehörigkeiten, Weltanschauungen, Kieze oder sonst was definieren. Wichtig ist nur, dass TR nicht zu groß und anonym werden.

Beantwortete Fragen

  • Warum heißen Tauschringe eigentlich "Tausch"ringe? Es wird doch nichts getauscht, sondern gegen Verrechnungseinheiten verkauft. Ist der klassische Tauschring also nichts anderes als ein geschlossenes Wirtschaftssystem, das seine eigenes Geld herausgibt? -> Leistungsversprechen, Geldexperiment
  • Monatlicher Festbeitrag oder Transaktionsgebühr? Für Wenigtauscher ist Festbetrag überproportional teuer und demotivierend; für Vieltauscher ist Transaktionsgebühr teuer. Aber: aus relativ hohem Festbetrag leiten gerade Wenigtauscher eine hohe Anspruchshaltung an die Orga ab; bei Transaktionsgebühr haben Null- oder Wenigtauscher keinen moralischen Anspruch auf Orga-Leistungen, Vieltauscher und Intensivnutzer des Systems dagegen schon. Was sind die Vor- und Nachteile von Monatsbeiträgen gegenüber Transaktionsgebühren? Welches Verhalten fördern sie? -> Mitgliedsbeitrag, Aufbewahrungsgebühr
  • Was ist ein Tauschring im Sinne des Tauschwiki? -> Tauschring, Hilfe:Was Tauschwiki nicht ist

Einzelbelege

  1. Michel Serres: Der Parasit. 1987, Suhrkamp Taschenbuch
  2. Elinor Ostrom: Governing the Commons. 1990
  3. Vortrag beim BT 2005; zit. nach Ohne Moos geht's los
  4. Vortrag beim BT 2005, zitiert nach Ohne Moos geht's los
  5. Vortrag beim BT 2005; zitiert nach Ohne Moos geht's los
  6. Ohne Moos geht's los, S.21
  7. Ohne Moos geht's los, S.21
  8. Schneider 1995, S. 148
  9. Drucksache 14/8900 des Deutschen Bundestags, S. 296 (Download)
  10. Patrizia Nanz, Miriam Fritsche: Handbuch Bürgerbeteiligung - Verfahren und Akteure, Chancen und Grenzen. bpb, 2012 (Online)

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